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Hans-Hubert Vogts (1990-1998). „Terrier“ genannt

Hans Hubert Vogts, kurz „Berti“ Vogts genannt, übernahm das Amt des Bundestrainers für acht Jahre bis 1998.  Auch die 1990er-Jahren waren keinesfalls „ruhig“ oder „harmonisch“. Weder gesellschaftspolitisch noch im Sport und gleich gar nicht im Fußball.

Im europäischen Fußball tobte ein heftiger „Kampf der Spielsysteme“. Berti Vogts, „ein Kind des klassischen Spielsystems“ ließ die deutsche Nationalmannschaft meist im 3-5-2 oder im 5-3-2-System spielen. „Back to the roots“ war angesagt. Extrem zweikampforientiert, physisch stark- aber gepaart mit individueller Klasse- verfolgten die Manndecker gegnerische Stürmer sprichwörtlich „bis auf die Toilette“. Ein Libero von Weltklasse wie Lothar Matthäus und später Matthias Samer bereinigte kritische Situationen und kurbelte den Spielaufbau an. Und vorne spielten ein, zwei zweikampferprobte und individuell starke „Knipser“. Berti Vogts war mit diesem Fußballstil „groß geworden“ und sagte über sich selbst „Ich war nie der talentierteste Spieler. Ich musste mir alles hart erarbeiten.

Nur, ich hatte Willen. Ich musste und wollte nach oben.“  Dies sagt eigentlich alles über Vogts, nicht nur als Spieler, sondern auch als Bundestrainer. Kaum ein Spieler oder Trainer verkörperte die „klassischen“ Tugenden wie Fleiß, Ehrgeiz und Zuverlässigkeit so gut wie der stets „auf dem Boden bleibende“ Berti Vogts.  Vogts war ein Weltklasseverteidiger. Er hatte sich in 419 BL- und 102 Länderspielen seinen Spitznamen „Terrier“ redlich „erarbeitet“. Als Nationaltrainer arbeitete er zunächst mit fast allen „Weltmeistern 1990“ weiter zusammen. Nicht mehr dabei waren lediglich Klaus Augenthaler und Pierre Littbarski, die im Endspiel der WM 1990 letztmals für die Nationalmannschaft aufliefen. Vogts profitierte dabei auch davon, dass er nach Ende seiner Karriere als Fußballer elf Jahre im Nachwuchsbereich des DFB gearbeitet hatte und seit 1986 einer der beiden Co-Trainer von Beckenbauer war. Vogts übernahm 1979 die U-16 -Auswahl und die U21-Nationalmannschaft bis 1983 bzw. 1990. Später bildete er auch für einigen Jahre die U18-Juniorenauswahl und die U20-Mannschaft aus. Er schulte alle „seine“ Spieler entsprechend „seiner“ Spielauffassung.

Die Erfolge gaben dem DFB und ihm Recht. Zahlreiche Spieler aus der „Vogts-Schule“ schafften den Sprung in die A-Nationalmannschaft: Rudi Völler, Pierre Littbarski, Andreas Brehme, Thomas Berthold, Jürgen Kohler, Stefan Reuter, Olaf Thon oder Bodo Illgner. Sie alle bildeten das Fundament für den Gewinn der WM 1990. In Vogts 3-5-2-Spielsystem oder der noch defensiveren 5-3-2-Variante variierte der Libero seine Position auf dem Platz je nach Spielsituation und Taktik. Bei gegnerischem Ballbesitz agierte er als letzte Instanz hinter den beiden Manndeckern vor dem Torwart, hatte das Defensivverhalten zu organisieren und betätigte sich gleichzeitig auch als „Ausputzer“. Bei eigenen Angriffen rückte er ins zentrale Mittelfeld auf. Da dort meist kein direkter Gegenspieler auf ihn wartete, konnte er das Spiel „als moderner Spielgestalter aus der Tiefe“ aufbauen.  Vogts persönlichen Tugenden wie Kampfgeist, absolute Einsatzbereitschaft, taktische Disziplin und mentale Stärke blieben die beherrschenden Elemente. Und er hielt an seiner grundsätzlichen Taktik (stur) fest: Defensiv und Ergebnis orientiert. Wie bereits Beckenbauer setzte auch Vogts auf Schlüsselpositionen zweikampfstarke und technisch starke Spieler ein und vertraute weiterhin „seinen Zöglingen“ die in der Zwischenzeit mehrheitlich in international starken Vereinsmannschaften der italienischen Serie A regelmäßig zum Einsatz kamen. Die Serie A hatte sich Mitte/Ende der 1980er-Jahre zur „taktisch anspruchsvollsten, stärksten und finanzkräftigsten Liga“entwickelt. Dort wurde der klassische Catenaccio der 1960er-Jahre vergleichsweise sehr frühzeitig weiterentwickelt. Auch in Italien herrschte das 3-5-2 -Spielsystem vor, wobei im Mittelfeld aber zunehmend Raumdeckung gespielt wurde. Trotzdem blieb das ergebnisorientiere Spiel auch in Italien absolut oberstes Gebot. Zudem wurden dort „taktische Fouls“ perfektioniert, um gegnerische Konter schon „im Keim zu ersticken“. Taktische Disziplin stand über fußballerischem Spektakel. Für Italiener galt lange ein 1:0-Sieg als das perfekte Spiel, da es absolute Spielkontrolle und fehlerfreies Spiel ausdrückte. Kein Wunder, dass Berti Vogts Spielstil in Italien großen Anklang fand. Auch unter den deutschen Nationalspielern, die in den 1990er-Jahren nach Italien gingen und dabei natürlich auch den finanziellen Verlockungen und dem zweifellos reizvollen „Dolce Vita“ erlagen.

In den damals im Fußball führenden Ländern wurden in den 1990er-Jahren unterschiedliche Spieltaktiken bevorzugt. Im englischen Fußball hielt man (lange) an dem dort klassischen 4-4-2 -System fest. Kick-and Rush, mit dem Fokus auf Flügelspiel und weiten Flanken vor das Tor des Gegners. Frankreich bevorzugte bereits Mitte der 1990er-Jahren die „moderne Viererkette“ als 4-3-2-1 mit kompaktem Mittelfeld und drei kampfstarken „Sechsern“ zur Sicherung der Defensive, wie z.B. durch Didier Dechamps. Die Mittelfeldspieler hatte bei den Franzosen aber auch viel Freiheit nach vorne. Dies verkörperten kreative Spielmacher wie Zinédine Zidane und ganz vorne agierten Weltklassestürmer wie Jean-Pierre Papin oder Eric Cantona. Der spanische Fußball setzte bereits in den 1990er-Jahren auf feines Kombinationsspiel im 4-4-2-System oder im Wechsel (auch während des Spiels) auf 4-3-3. Mit dem jungen Pep Guardiola und Luis Enrique im Team gewann die spanische Olympiaauswahl 1992 auf heimischem Boden die Goldmedaille. Dennoch scheiterten spanische Mannschaften bei Europameister- und Weltmeisterschaften damals regelmäßig spätestens im Viertelfinale. Man beklagte die fehlende mentale Stärke, die man an der deutschen Mannschaft bewunderte, aber weniger deren Art des Fußballspiels. Auf Vereinsebene erlebte der spanische Fußball schon damals Glanzzeiten, vor allem durch den FC Barcelona und Real Madrid. Die meisten Mannschaften in Osteuropa blieben dem klassischen Spielstil mit Libero und Manndeckung bis Anfang der 2000er-Jahre treu.  

Wendepunkte für die stur defensiv ausgerichtete Spieltaktik markierten die Anpassung der Abseitsregel (1990) und vor allem die Einführung der Rückpassregel (1992). Gleiche Höhe mit der Verteidigung hob nun Abseits auf und der Torwart durfte einen Rückpass nicht mehr mit den Händen aufnehmen. Diese Regelanpassungen (der FIFA) zwang insbesondere die Abwehr-spieler, in Drucksituationen nun spielerische Lösungen zu suchen und die Torhüter mussten auch mehr fußballerische Qualität haben und zudem „ein Auge“ für die Spieleröffnung ent-wickeln. Eine neue Generation Abwehrspieler und Torwarte war angesagt. Das Spiel insgesamt beschleunigte sich zunehmend und der klassische „Ausputzer“ war Ende der 1990er- Jahre in den meisten Ländern „Geschichte“.

Nachdem Beckenbauer die Nationalmannschaft mit seinem eher spielerischen Ansatz, einem „modernen Libero à la Beckenbauer“ und mit Lothar Mattäus als kreativem Spielmacher im Mittelfeld, zur Weltmeisterschaft geführt hatte, entbrannten natürlich heftige Diskussionen darüber, ob sich mit dem von Vogts wieder bevorzugten Spielsystem, das Beckenbauer mehrfach lautstark als „Rumpelfußball“ bezeichnete, Deutschlands „Vormachtstellung im Fußball“ verteidigen lässt oder ob es zu einem „Rückfall in alte Zeiten“ kommen würde. Und da war auch der „lange Schatten“ der „Lichtgestalt“. Nicht nur als Spieler und Trainer, sondern auch Beckenbauers Art und Mentalität im (lockeren) Umgang mit den Medien. Vogts bekannte gleich nach Amtsantritt: „Ich bin keine Lichtgestalt wie der Franz. Wenn der in ein Zimmer kommt, geht das Licht von selbst an. Ich muss immer erst den Schalter suchen“.

Die Medien hatten Respekt vor den Leistungen von Vogts als Fußballer. Zweifellos war er eine Fußball-Legende. Die großen Erfolge, die er mit allen DFB-Nachwuchsmannschaften hatte, wurden von den Medien allerdings weniger wahrgenommen. Angezweifelt wurde aber seine persönliche Eignung als Nationaltrainer. „Farblos“, „kleinbürgerlich“ und er „habe Kommunikationsprobleme“ waren von Beginn an häufige Kritikpunkte. In der Tat war es so, dass Vogts der Boulevardpresse im Gegensatz zu Beckenbauer die gewohnte Sonderbehandlung verweigerte. Er versuchte die gesamte Medienlandschaft- gleichmäßig und seinem Charakter entsprechend zurückhaltend- zu bedienen. Vor allem bei Turnieren zog er sich tagelang von der Presse zurück, um sich auf seine Aufgabe als Bundestrainer zu fokussieren. Dies wurde von Journalisten oft als „unglücklich“ oder „starrsinnig“ wahrgenommen. Sie waren „anderes gewohnt“, vor allem die „BILD“.

Seine zweite und eigentlich wichtigste Herausforderung bestand aber darin, die Wiedervereinigung auch der beiden Nationalmannschaften herbeizuführen. Diese hatte nicht nur gravierende geopolitische und wirtschaftliche Folgen, sondern machte auch eine Zusammenführung der beiden Nationalmannschaften erforderlich. Die Eigenständigkeit der DDR-Nationalmannschaft endete nach 293 offiziellen Länderspielen. Ihr überhaupt letztes Länderspiel gewann sie im September 1990 gegen Belgien nach zwei Toren ihres Kapitäns Matthias Sammer mit 2:0. Zwei Monate später löste sich der Fußballverband der DDR, der Deutsche-Fußball-Verband (DFV), auf. Noch am Tag der Auflösung wurde der „Nordostdeutsche Fußball-Verband e.V. (NOFV)“, quasi als Nachfolgeorganisation für das Gebiet der neuen Bundesländer, gegründet. Der NOFV hat bis heute seinen Sitz in Berlin und fungiert als einer von fünf Regionalverbänden des DFB.  Die Top-Talente der DDR wechselnden nach dem Mauerfall rasch zu Bundesligavereinen. Vogts suchte unmittelbar den Kontakt zu Schlüsselspielern der DDR-Nationalmannschaft. Intensiven Kontakt baute er vor allem zu Matthias Sammer auf. Mit ihm, so wird berichtet, stimmte er sich regelmäßig und sehr eng ab. Das historisch erste Spiel einer gesamtdeutschen Mannschaft fand kurz vor Weihnachten 1990 statt. Erneut im Neckarstadion in Stuttgart und wieder, wie im ersten Spiel nach dem 2. Weltkrieg, gegen die Schweiz. Im Kader für dieses Spiel standen mit Matthias Sammer, Andreas Thom, Thomas Doll, Ulf Kirsten und Perry Bräutigam für das Tor fünf ehemalige DDR-Nationalspieler. In die Startelf in Stuttgart schaffte es aber mit Sammer nur einer von ihnen. Da der Kader mit den „Weltmeistern von 1990“ hochkarätig besetzt war, war es für „Neulinge“ insgesamt und damit auch für Spieler der ehemaligen DDR-Nationalmannschaft sehr schwierig, in den Kader zu kommen bzw. zu spielen.  Im „Wiedervereinigungsspiel“ gegen die Schweiz feierte mit Andreas Thom ein zweiter DDR-Nationalspieler seinen Einstand. Beim Stand von 2:0 durch Tore von Völler vor der Pause und Riedle in der 2. Halbzeit gab Thomas Doll für Matthias Sammer nach 74 Minuten seinen Ein-stand. Eine Minute später erzielte er mit seinem Tor zum 3:0 den historisch ersten „ost-deutschen“ Treffer, ehe Lothar Matthäus fünf Minuten von Spielende zum 4:0 Endstand traf. Vogts erntete (typischerweise) vor allem aus den neuen Bundesländern unmittelbar Kritik dafür, dass lediglich zwei gebürtige DDR-Spieler eingesetzt wurden. Vogts und sein Co-Trainer Bonhof (der ihm auch später auch bei seiner Tätigkeit in Schottland zur Seite stand) bewerteten die Eignung der ehemaligen DDR-Nationalspieler für die gesamtdeutsche Nationalmannschaft eben primär nach ihren Leistungen in der Bundesliga. Auch dabei hatte ihn Sammer intensiv beraten und ihm detailliert erklärt, „wie es ist, ein Ossi zu sein“. So schilderte Sammer in einem langen Interview in der Süddeutschen Zeitung (nach Ende seiner Karriere als Fußballspieler) die „Kennenlernphase“, die, so Sammer weiter, „das Fundament für gegenseitiges Verständnis und tiefes Vertrauen“ zwischen ihm und Vogts bildete.

Auf dem Weg zur Europameisterschaft 1992 testete Vogts insgesamt vier der oben aufgezählten DDR-Nationalspieler. Perry Bräutigam schaffte leistungsmäßig nicht, die unumstrittene Nummer 1 im Tor (und Sepp Maier als Bundes-Torwarttrainer), Bodo Ilgner, noch dessen Stellvertreter, Andreas Köpke, zu verdrängen. Keines der ersten zehn Freundschafts -und Testspiele der gesamtdeutschen Mannschaft ging verloren -die Kritiker verstummten- zunächst.

In der Qualifikationsrunde zur EM 1992 in Schweden spielte Deutschland in einer Gruppe mit Wales, Belgien und Luxemburg. Die deutsche Mannschaft stand von Beginn an unter Erfolgs-zwang, da sich nur die (sieben) Gruppensieger neben Schweden als Ausrichter für die EM-Endrunde qualifizieren konnten. Bei der Qualifikation und dem Endturnier der EM 1992 galt im Übrigen letztmals die Zweipunkteregel. Danach wurde auch die Vorrang-Regelung der Tordifferenz bei Punktgleichheit durch die Tordifferenz beim direkten Vergleich im Hin- und Rückspiel abgelöst. Die ersten beiden Spiele, in Luxemburg und zu Hause gegen Belgien, gewann Deutschland, ohne jedoch zu überzeugen. Beim dritten Spiel in Cardiff gegen Wales hatte Vogts sieben Abwehrspieler in der Startelf. Wales verfügte in dieser Zeit über absolute Weltklassespieler im Sturm (Ina Rush, der in Liverpool spielte und Mark Huges (Manchester United)) sowie einem der weltbesten Torhüter (beim FC Everton unter Vertrag). Die Taktik ging so lange auf, bis sich Berthold nach einem Foul seines Gegenspielers mit einem rüden Tritt an dessen Schienbein revanchierte und prompt vom Platz flog. In Unterzahl fiel der Siegtreffer der Walliser durch deren Stürmerstar und Volkshelden, Ian Rush. Es war zugleich die erste Nieder-lage der gesamtdeutschen Mannschaft und Vogts als Nationaltrainer, nach insgesamt sechszehn Spielen ohne Niederlage seit Februar 1990, einschließlich der Qualifikation und Endrunde der WM 1990.

Bei der Pressekonferenz griff Vogts zu Worthülsen, sprach von „einem glücklichen Sieg“ der Waliser gegen eine „gut spielende deutsche Mannschaft“ und sah in der Niederlage „keinen Rückschritt“. Das sahen die Medien und einige Experten ganz anders. Die erste Niederlage hatte „mit einem Schlag unter Fans und Experten die alten Gefühle neu belebt“. „Der Berti ist doch der falsche Trainer“. Das Erreichen der EM-Endrunde schien in Gefahr -und das ein Jahr nach dem Gewinn des dritten Weltmeistertitels. Die „BILD“ schoss den Vogel ab: „Berti, es reicht!“. Da die Leistung insgesamt schwach war, geriet auch die Mannschaft in die Schlagzeilen- vor allem Thomas Berthold. Vogts blieb sachlich und wich den medialen Angriffen nicht aus, nahm die Mannschaft öffentlich in Schutz und richtete den Blick auf das drei Monate später geplante Freundschaftsspiel- im Wembley-Stadion in London gegen England.  Vogts stellte die Mannschaft im Klassiker gegen England strategisch und personell um. Er wählte eine offensivere Grundausrichtung und brachte neben Stefan Effenberg und Andreas Möller mit Thomas Doll einen kreativen und offensiv ausgerichteten Mittelfeldspieler, der den nach einer Verletzung noch nicht fitten Rudi Völler ersetzte. Karl-Heinz Riedle war die eigentliche Sturmspitze, Jürgen Klinsmann musste mit der Bank vorliebnehmen. Sammer stand überhaupt nicht im Kader. Er hatte sich einer Operation zu unterziehen. Deutschland gewann den „Kracher“ gegen Lineker & Co durch ein Kopfballtor von Riedle nach Flanke von Doll mit 1:0. Kohler hatte Lineker „abgemeldet“. Die Kritiker beruhigten sich, zumal die restlichen drei Qualifikationsspiele, darunter das Rückspiel gegen Wales mit 4:1, gewonnen wurden.

Im Kader für die EM 1992 standen mit Doll, Sammer und Thom (erneut nur) drei ehemalige DDR-Auswahlspieler. Sammer war im defensiven Mittelfeld gesetzt. Er und Doll spielten in vier der fünf Spiele, Thom kam meist als Einwechselspieler zum Zug. In der Gruppenphase konnte Deutschland nicht wirklich überzeugen. Das Auftaktspiel gegen die Sowjetunion endete 1:1, gegen Schottland wurde 2:0 gewonnen und im letzten Spiel gegen Niederlande kassierte das Team eine 1:3-Schlappe. Als Gruppenzweiter war das Halbfinale trotzdem erreicht. Gegen Gastgeber Schweden setzte sich die deutsche Elf durch Tore von Häßler und zweimal Riedle mit 3:2 durch und war im Endspiel. Dort wartete Dänemark, die die Endrundenteilnahme in ihrer Gruppe mit Jugoslawien sportlich eigentlich verpasst hatte. Aber erneut war die Politik im Spiel. Die jugoslawische Mannschaft hatte ihr Quartier in Schweden bereits bezogen, als die UEFA kurz vor Turnierbeginn und nach langen Überlegungen doch noch beschloss, Jugoslawien von der EM-Endrunde 1992 auszuschließen. Grund waren die Folgen der 1991 ausgebrochenen Jugoslawienkriege und die damit verbundenen internationale Sanktionen gegen das Land. Auslöser war der Tod des jugoslawischen Staatschefs Tito (1980). Das entstandene Macht-vakuum löste wiederholt schwere ökonomischen Krisen aus, die wiederum zum Erstarken des aggressiven Nationalismus in Jugoslawien führte. Die wohlhaben deren Teilrepubliken Kroatien und Slowenien wollten ihr Geld nicht mehr länger mit den ärmeren Regionen des Landes teilen und riefen 1991 ihre Unabhängigkeit aus. Dies war der Anfang vom Ende Jugoslawiens und führte zu unsäglichen Kriegen der verschiedenen Teilregionen gegeneinander.

Dänemark war 1986 erstmals bei einer Weltmeisterschaft dabei gewesen. Dort besiegten die Dänen im „Finale um den Gruppensieg“ die deutsche Elf mit 2:0 und mauserte sich mit 9:1 Toren und 6:0 Punkten mit „Danish Dynamite“ zu einem Geheimfavoriten der EM 1986. Daraus wurde allerdings nichts, weil die Spanier den Hurra-Stil der Dänen mit einem 5:1 Sieg jäh be-straften.  Bei der EM 1988 in Deutschland war Dänemark in der Vorrunde ausgeschieden. Ihr offensiver Fußball wurde erneut mit zu vielen Gegentoren „bestraft“.  

Nach der Suspendierung von Jugoslawien stürmten sie bei der EM 1992 förmlich ins Endspiel. Vogts hatte als Co-Trainer von Beckenbauer die dänischen Mannen um ihren Trainer (Sepp Piontek) in Mexiko erlebt und auch deshalb bereits vor dem Endspiel bei der EM 1992 gewarnt: „Mit Freude und Herz sind sie bei der Arbeit- ich nenne sie die Südländer Skandinaviens“. Trotzdem waren die Dänen krasser Außenseiter im Endspiel in Göteborg, zumal Vogts dort mit sieben Weltmeistern 1990 startete. Die deutsche Elf war zunächst überlegen, Reuter und Klinsmann scheiterten am überragenden dänischen Torwart Peter Schmeichel. Es kam, wie es kommen musste, die Dänen erzielten das 1:0, natürlich mit einem Sonntagsschuss in den Torwinkel. Deutschland hatte weitere Hochkaräter, Schmeichel hielt alles, was auf seinen Kasten kam. In der Schlussphase fing sich Ilgner das 2:0 ein, mit einem Schuss an den Innen-pfosten. Auch dieses Tor habe ich noch „vor Augen“.  Die FIFA hatte bereits 1987 quadratische oder eckige Torpfosten offiziell verboten.

Am Tag nach der Finalniederlage bemängelte Vogts vor der Presse die mangelnde Einstellung seiner Mannschaft bei der gesamten EM und vor allem im Endspiel gegen Dänemark: „Wer die Einstellung nicht mitbringt, hat bei uns nichts verloren“.  Bodo Ilgner bekräftige diese Kritik „Das willensstärkste Team ist Europameister geworden“.

Dabei hatte Vogts eine Reihe von Neuerungen eingeführt. Systematische Laktatmessungen, Videoanalysen zur Gegnerbeobachtung und computergestützte Auswertungen des Fitness-zustands der Spieler. „Das Herz ist schon wichtig, aber die Wissenschaft gehört dazu“ war Vogts Credo.  DER SPIEGEL spöttelte aber: Laborwerte alleine schießen keine Tore“. Die Medien bemängelnden, dass Intuition, Spielfreude und individuelle Klasse unter Vogts in „ein Korsett gezwungen wurden“ und der „bürokratischen Technisierung zum Opfer gefallen“ seien. Darin zumindest sollten sich alle Kritiker aber irren. Technisierung und Verwissenschaftlichung sind aus dem modernen Fußball genauso wenig mehr weg zu denken, wie die „Laptop-Trainer“ (seit Jürgen Klinsmann auch in Deutschland).

In einigen Städten entlud sich der Frust über die Finalniederlage in Ausschreitungen und Randalen, bei denen die Polizei eingreifen musste. Zu alle dem meldete sich auch Beckenbauer in seinen BILD-Kolumnen und aus den TV-Studios, vornweg bei Premiere, immer wieder kritisch und spöttisch über Vogts’ Arbeit.

Trotz der immer wieder aufkommenden, fast an Mobbing grenzenden und unfairen Bericht-erstattung blieb Vogts aber stets sachlich, charakterfest und loyal, auch gegenüber seiner Mannschaft und verfolgte unbeirrt seinen sportlichen Plan. Der damalige DFB-Präsident Egidius Braun stärkte Vogts in der Öffentlichkeit demonstrativ den Rücken. Also kämpfte Vogts weiter, wie früher als Spieler und nun eben als Nationaltrainer.  

Für die WM 1994, die erstmals an die USA vergeben wurde, wollte Vogts eine eingeschworene Gruppe aufbauen. Ein Team, das sich „auch untereinander versteht, privat wie auch spielerisch“. Was letztlich misslang.

Die 20 Freundschafts-Spiele auf dem Weg in den USA verliefen „sehr durchwachsen“. Die Kritik an Vogts hielt unvermindert an. Und wiederum war es Beckenbauer der als TV-Experte keine Gelegenheit ausließ, seinen Nachfolger zu kritisieren. Im Vorfeld der WM 1994 titulierte er Vogts als „Pfeife“. In einem Interview beim ZDF gab Beckenbauer zum Besten: „Ein Berti genügt. Jetzt haben wir so einen schönen Tag heute und reden hier über irgendwelche Pfeifen. Zu allem Über-fluss versuchte auch Stefan Raab, Vogts mit seinem Spottlied „Böörti Vogts“ zur Fußball-WM 1994 „auf unterstem Niveau“ bloßzustellen.

Die deutsche Mannschaft reiste als Titelverteidiger in die USA. Im Kader standen mit Sammer und Kirsten lediglich zwei ehemaliger DDR-Nationalspieler. Ansonsten bildeten zwölf Welt-Meisterspieler von 1990 den Kern der Nationalmannschaft. Die WM geriet zum Fiasko für den deutschen Fußball. Eine Gruppe „Hochveranlagter“, wie Matthäus kommentierte, trat vorzeitig die Heimreise an. Helmer meinte, er habe das Gefühl gehabt, „dass wir die besten Einzelspieler haben, wir sind aber keine Mannschaft geworden“.

Laut Helmer hatte es „eigentlich drei Gruppen“ gegeben. Die zwölf Weltmeister, die „den Ton angaben“, Neulinge wie Thomas Strunz und Mario Basler sowie die beiden ostdeutschen Spieler, Sammer und Kirsten, die „sich mit Neuem schwertaten“, da sie „in einem anderen System sozialisiert wurden“, aber auch zu wenig Unterstützung bekamen. Sammer beklagte rückblickend, dass im Team der WM 1996 ein „Ich-AG-Denken“ und ein „Egosystem“ vor-herrschte, welches „den sportlichen Fokus total zerstörte“. Und Strunz meinte: „Wir waren Einzelunternehmer, wir waren Individuen, die vielleicht auch zu sicher waren, wie gut wir sind“.

Nach durchwachsenen Leistungen in der Gruppenphase mit zwei Siegen gegen Bolivien (1:0 und Südkorea (3:2) sowie einem 1:1 gegen Spanien gewann die Mannschaft das Achtelfinalspiel mit 3:2 gegen Belgien. Effenberg stand für dieses Spiel nicht mehr zur Verfügung. Er hatte sich im Spiel gegen Südkorea mit den deutschen Fans angelegt und ihnen, weil sie das „grausam schlechte Spiel“ mit heftigen Pfeifkonzerten gegen die eigene Mannschaft begleiteten, den Mittelfinger gezeigt. Der DFB reagierte prompt und schickte Effenberg nach Hause.  Das Viertel-finalspiel gegen den vermeintlichen Außenseiter Bulgarien verlor die Mannschaft nach Führung (Matthäus per Elfmeter) mit 1:2. Die Bulgaren drehten das Spiel mit zwei Toren in der Schluss-phase innerhalb drei Minuten.

Brasilien gewann seinen 4. Titel gegen Italien. Die Entscheidung fiel erstmals nach Elfmeter-schießen.  

Die WM in den USA war geprägt durch einige internationale Skandale. Diego Maradonas Nationalmannschaftskarriere endete dort abrupt. Er wurde nach dem Spiel der Argentinier gegen Nigeria positiv auf mehrere Substanzen zur Stimulanz getestet und wurde von der FIFA unmittelbar aus dem Turnier genommen und (erneut) gesperrt (für 460 Tage). Er war 1991 nach nachgewiesenem Kokainkonsum von der FIFA bereits mit einer 15-monatigen Sperre belegt worden, war aber nach einer 0:5-Pleite gegen Kolumbinen im Vorfeld der WM 1994 auf Druck der Medien wieder in den Kader aufgenommen worden. Der kolumbische Spieler Andrés Escobar wurde kurz nach dem Vorrundenaus der Bolivianer nach seiner Rückkehr nach Kolumbien vor einer Bar in Medellin auf offener Straße erschossen. Er hatte das entscheidende Eigentor zur 1:2-Niederlage gegen die USA verursacht.

Brasiliens damaliges Fußballidol Romário verpasste beinahe die WM in den USA. Sein Vater wurde unmittelbar vor Beginn der Endrunde entführt. Er drohte damit, nicht zu spielen, „wenn ich meinen Vater nicht zurückkriege“ und sein Vater wurde wieder freigelassen.  Auch die Wunden des Falkland-Krieges waren bei der ersten WM in den USA offensichtlich noch nicht vergessen. Argentinische Spieler präsentierten nach ihrem Sieg im Halbfinale gegen England (2:1) ein Plakat mit der Aufschrift (Dt.: „Die Malvinas-Inseln sind argentinisch“).

Auch Beckenbauer meldete sich (natürlich) nach dem frühen Scheitern in den USA. Er sah sich veranlasst, seine Wortwahl nach dem WM-Triumpf 1990 nachträglich selbst zu kritisieren und meinte spöttisch in Richtung Vogts: „Ich werde nicht mehr den Fehler machen und sagen, die deutsche Mannschaft wird auf Jahre hinaus unschlagbar sein“.

Vogts seinerseits kritisierte seine Spieler als „Wohlstandsjünglinge“, die „auf nichts mehr verzichten wollen“. 

Obwohl Fußball in den USA zu damaligen Zeit eine Nischensportart war, entpuppte sich die Weltmeisterschaft als Zuschauermagnet. In die riesigen Stadien strömten knapp 3,6 Mio. Zuschauer. Der Umsatz der FIFA bei der WM 1994 belief sich auf 235 Mio. USD und sie verzeichnete einen Gewinn von 100 Mio. USD. Davon erhielt der brasilianische Verband ein Preisgeld für den Gewinn der Weltmeisterschaft in Höhe von 5,5 Mio. USD.  Erwähnenswert ist ferner, dass sowohl die Qualifikationsrunde als auch das Endrundenturnier in den USA erstmals mit der Dreipunkteregelung ausgetragen wurden.

Der DFB unter Präsident Egidius Baum hielt an Vogts fest. Der hatte im Winter nach dem WM-Aus 1994 einen seiner wenigen kultigen Presseauftritte. Mit einem Gedicht des österreichischen Dichters Peter Rosseger warb er für mehr Fairness und Harmonie:

„Ein bisschen mehr Freude und weniger Streit,

ein bisschen mehr Güte und weniger Neid,

ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass,

ein bisschen mehr Wahrheit, das wäre doch was“.

Diese Botschaft leitete sportlich die Wende im Fußball der Nationalmannschaft ein. Vogts gab das neue Motto aus: „Die Mannschaft ist der Star“. Der Focus lag wieder auf Disziplin und innere Geschlossenheit und er baute die Nationalmannschaft um. Effenberger wurde nicht mehr nominiert, Bodo Illgner und Rudi Völler traten zurück. Auf Matthäus verzichtete Vogts sowohl in der Qualifikation als auch bei der Endrunde der UEFA EM 1996 in England bewusst. Vogts hatte Matthäus zur Ego-Fraktion bei der WM 1994 gezählt und war nach einer langwierigen Verletzung fast ein Jahr ohne Spielpraxis.

An der EM 1996 in England nahmen erstmals 16 Mannschaften teil. In der Qualifikationsrunde kämpften daher erstmals 47 Mannschaften, auf acht Gruppen verteilt, um die 15 Endrunden-plätze, neben England als Ausrichter. Deutschland fuhr mit sechs Siegen, einem Unentschieden (im Heimspiel gegen Wales (1:1)) und einer Niederlage (wieder gegen Bulgarien, in Sofia mit 3:2) als Gruppensieger auf die Insel. Im Kader standen immerhin noch sechs Spieler der WM 1990. Andreas Köpke war die neue „Nummer 1“, Oliver Kahn war als Neuling ebenfalls nominiert. Vogts „Lieblingsschüler“ Jürgen Klinsmann übernahm das Amt des Kapitäns, Sammer wurde der neue Abwehrchef und „der“ Führungsspieler. Steffen Freund, Jörg Heinrich und Marco Bode hatten 1995 ihr Debüt gegeben und standen bei der EM 1992 auch auf dem Platz.  René Schneider gab als erster Spieler eines ostdeutschen Vereins (Hansa Rostock) nach der Wieder-vereinigung genauso sein Debüt wie Mario Basler und Jens Todt. Kein Spieler im Kader hatte bis zur Endrunde der EM 1996 mehr als sechs Länderspiele bestritten.  Deutschland war als eine der drei stärksten Mannschaften in der Qualifikation neben England als einer der vier Gruppen-köpfe gesetzt.

Die Spiele gegen Tschechien und Russland wurden jeweils zu Null gewonnen (2:0 bzw. 3:0). Auch im dritten Gruppenspiel gegen Italien kassierte Deutschland kein Gegentor. Das Spiel endete 0:0. Köpke hielt dabei sehr früh einen Elfmeter der Italiener. Im Viertelfinale gewann die deutsche Mannschaft durch Tore von Klinsmann und Sammer, nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich der Kroaten, mit 2:1. Klinsmann musste bereits in der 1. Halbzeit verletzt ausscheiden und konnte im Halbfinale gegen England nicht auflaufen. Für dieses Spiel ersetzte ihn Stefan Kuntz. Er traf nach dem frühen 0:1 der Engländer durch Alan Shearer wenig später zum 1:1.  Danach dominierten die Abwehrreihen. Nach 90 Minuten stand es immer noch 1:1. Ab dem Viertelfinale galt bei einer EM in der Verlängerung erstmals die „Golden-Goal-Regel. Beide Mannschaften wollten ein Elfmeterschießen verhindern. Die Engländer trafen den Pfosten, Kuntz hatte nach Ecke von Andreas Möller per Kopf getroffen, der Schiedsrichter gab den Treffer wegen eines Stürmerfouls nicht und Paul Gascoigne verpasste freistehend vor dem eine Flanke. Danach stand auch Christian Ziege frei vor dem Tor der Engländer, schob den Ball aber neben das Tor. Drama pur. Es kam doch zum Elfmeterschießen. Alle Spieler trafen bis zum 5:5. Dann schoss Gareth Sothgate (später englischer Nationaltrainer) und Andreas Köpke hielt den Ball. Andreas Möller behielt die Nerven und verwandelte. Deutschland stand im Endspiel.

Gegner waren erneut die Tschechen. Die Mannschaft von Vogts galt als Favorit, hatte aber mit Basler, Freund, Bobic und Kohler vier verletzte Spieler nicht zur Verfügung, Möller und Reuter mussten wegen Gelbsperren ebenfalls zuschauen. Klinsmann spiele mit, trotz nicht komplett auskuriertem Muskelfaserriss beim Viertelfinalspiel. Die Tschechen gingen Mitte der zweiten Halbzeit nach einem von Sammer verursachten, aber umstrittenen Foulelfmeter, mit 1:0 in Führung. Daraufhin brachte Vogts Oliver Bierhoff (für Mehmet Scholl), der zum Matchwinner werden sollte. Er erzielte wenige Minuten nach seiner Einwechslung den Treffer zum 1:1 und schoss in der fünften Minute der Verlängerung das Golden Goal, dem ersten in der Geschichte großer internationaler Fußballturniere.  Deutschland war zum dritten Mal nach 1972 und 1980 Fußball- Europameister.  Vogts feierte -im schwarzen Anzug und Krawatte- vor der deutschen Fankurve mit einer Ein-Mann- La Ola. Er war trotz aller Kritiken, Beleidigungen und Ver-schmähungen auf dem Zenit seiner Laufbahn angekommen.  Die „BILD“ war einigermaßen sprachlos und titelte schlicht: „EUROMÄRCHEN!“  Andreas Köpke wurde zum besten Torhüter der EM und zum Welttorhüter 1996 gewählt. Matthias Sammer (Spitznamen „Motzki“ und „Feuerkopf“) und Dieter Eilts (Spitzname: „Ostfriesen-Alemao“) wurden in die Mannschaft des Turniers gewählt.

Die Nationalmannschaft wurde in Deutschland zur Mannschaft des Jahres und Matthias Sammer zum Spieler des Jahres ernannt. Berti Vogts, als Spieler Weltmeister und als Trainer Europameister erfuhr international eine weitere große Ehrung. Er wurde als weltbester National-trainer bzw. Welttrainer des Jahres 1996 ausgezeichnet.

Anders als Beckenbauer dachte Vogts auf dem Höhepunkt seiner Karriere nicht an einen Rück-tritt. Er sah sich in seiner Auffassung und Spieltaktik bestätigt und wollte nun auch noch die WM 1998 in Frankreich gewinnen. Vogts verjüngte den Kader kaum und reaktivierte zudem auch noch den zwei Jahre lang aus der Nationalmannschaft verbannten, damals 37-jährigen Lothar Matthäus. Viele Kritiker kommentierten, die meisten Spieler des WM-Kaders 1998 hätten ihren Zenit überschritten. Vogts reagierte auf diese Kritik, wie meist, humorlos und mit einem seiner „berühmten“ Sätze: „Es gibt keine jungen oder alten Spieler, sondern nur gute und schlechte“. Für ihn zählten im harten internationalen Wettbewerb nachgewiesene sportliche Qualität und mentale Reife mehr als das Alter und er meinte, dass die nachrückende Generation noch nicht die nötige Klasse besitze, um „die Platzhirsche“ zu verdrängen. So lag das Durchschnittsalter des Kaders der WM 1998 bei über 30 Jahren, dem bis heute ältesten deutsche WM-Kader aller Zeiten.

Die Erfahrung reichte bis ins Viertelfinale, des erstmals mit 32 Mannschaften ausgetragenen WM-Endturniers. In der Vorrunde warteten lösbare Aufgaben. Das Auftaktspiel gegen die USA gewann die Mannschaft durch zwei Tore von Möller und Klinsmann mit 2:0. Gegen Jugoslawien reichte es nach einem 0:2-Rückstand in der Schlussviertelstunde durch ein Eigentor der Jugoslawen das 1:2 und den Treffer von Oliver Bierhoff noch zum 2:2.  Nach diesem Spiel (in Lens) kam es zu hässlichen Szenen mit der Polizei. Deutsche Hooligans waren auf der Suche nach einer Gelegenheit, sich mit jugoslawischen Anhängern zu prügeln. Dabei wurde einer der französischen Polizisten, Daniel Nivel, brutal getreten und geschlagen. Er lag sechs Wochen im Koma und war für immer gesundheitlich gezeichnet. Innenminister Norbert Blüm eilte unmittelbar zu ihm ins Krankenhaus und nannte das Geschehen „eine Schande für Deutschland“.  Die Öffentlichkeit und der DFB reagierten entsetzt und es wurde kurzzeitig erwägt, das Team vom Turnier zurückzuziehen. Dazu kam es aber nicht. Drei Tage nach diesem schrecklichen Ereignis gewann die Mannschaft ihr letztes Vorrundenspiel gegen den Iran nach Toren von Bierhoff und Klinsmann mit 2:0. Im Viertelfinalspiel gegen den WM-Neuling Kroatien zeigte Deutschland die stärkste Leistung im Turnier, schied aber trotzdem aus. Matthäus hatte kurz vor der Pause einen eklatanten Fehlpass gespielt, Wörns reagierte mit einer Notbremse gegen den kroatischen Superstürmer Davor Suker und wurde mit Rot vom Platz gestellt. Danach stellte sich Deutschland „hinten rein“ und kassierte kurz nach der roten Karte das erste Gegen-tor, durch einen Distanzschuss. Köpke im Tor war machtlos. Zwanzig Minuten vor Schluss wechselte Vogts für die beiden Mittelfeldspieler Dietmar Hamann und Thomas Häßler mit Olaf Marshall und Ulf Kirtsen zwei zusätzliche Stürmer ein. Auch mit nun vier Stürmern gelang aber gegen die Kroaten kein Tor. In den letzten zehn Minuten erzielte Kroatien das 2:0, wieder per Fernschuss und wenige Minuten später folgte das 3:0 durch Sukar.

Kroatien wurde Dritter und Frankreich erstmals Weltmeister, im Finale gegen den Titel-verteidiger Brasilien.  Persönlich hatte ich das „Vergnügen“, das Endspiel der Franzosen gegen Brasilien bei einem Sommerfest unseres damaligen Gesellschafters, einem weltweit tätigen Konzern, vor Großbildleinwänden in einem Schloss bei Paris mit mehr als hundert leitenden Kollegen aus aller Welt genießen zu dürfen. Eindrücke, die ich nicht vergessen habe. Seither verstehe ich, dass die Franzosen selbst vor allen Schulen und Kindergärten ihres Landes toujours die Nationalflagge hissen. 

Vogts wurde eine „veraltete Taktik“, „kein erkennbares System“, Ideenlosigkeit“ und die Nominierung eines „überalterten Kaders“vorgeworfen. In den Medien wurde natürlich vehement sein sofortiger Rücktritt gefordert. In der Presse hieß es auch, Vogts habe Matthäus nur auf Druck der „Bild“ wieder in die Mannschaft genommen, hätte der Mannschaft aber nicht die Wahrheit gesagt.  Ein weiterer Vorwurf (von Bierhoff) war, dass nie ein „Mannschaftsgerüst“ entstanden sei, weil Vogts „viel zu sehr hin- und hergewechselt habe“. Bierhoff betonte in einem Interview mit dem SPIEGEL unmittelbar nach der WM, dass es „an der Kommunikation sowohl zwischen den Spielern als auch im Verhältnis der Spieler zum DFB und zum Trainer“ haperte. „BILD“ schrieb: „0:3! Aus! Vorbei! Kroatien schießt uns aus der WM. Es ist die schwärzeste Stunde unseres Fußballs seit dem WM-Aus 1994. Unsere alten Stars am Ende. Vogts, war das dein letztes Spiel?“  Die FAZ kommentierte: …. Es fehlte an jugendlicher Dynamik, spielerischer Eleganz und kreativen Ideen“. Und in der L’Équipe stand: „Der deutsche Panzer hat Totalschaden“. Und das 43 Jahre nach Kriegsende….

Der DFB-Präsident hielt dennoch an Vogts fest und der vollzog nun den vehement geforderten personellen Schnitt. Klinsmann beendete seine Karriere, Kohler, Reuter, Thon, Helmer und Köpke traten zurück, Häßler und Möller verloren ihre Stammplätze. Einzig Matthäus, der mit 37 Jahren eigentlich auch hätte abtreten können/sollen, tat dies nicht. Und Effenberg kehrte zurück. Dabei hatte Vogts nach dessen Eklat bei der WM 1994 erklärt, dass dieser „unter meiner Verantwortung nie wieder für Deutschland spielen“ wird. Den jüngeren Spielern wie Michael Ballack, Sebastian Deisler, Stefan Beinlich, Carsten Jancker, Christian Nerlinger, Oliver Neuville oder Marco Rehmer fehlte es (noch) an internationaler Klasse.  Einzig Oliver Kahn war damals auf dem Weg zu einem Weltklassetorhüter. Der DFB hatte nach der Beförderung von Vogts zum Nationaltrainer- trotz dessen eindringlicher Warnung- jahrelang versäumt, die von Vogts auf- gebaute Talentförderung fortzuführen.

Die massive Kritik an Vogts hielt in den Medien unvermindert an. Dieser wollte im Rahmen einer Länderspielreise nach Malta die neu zusammengestellte Mannschaft auf die Zukunft ein-stimmen. Im Vorfeld nahm Oliver Kahn Berti Vogts in Schutz. Kahn bezeichnete die Massivität der Kritik an Vogts als „Wahnsinn“ und äußerste sich entsetzt darüber „wie viele Schläge so ein Trainer einstecken muss“ und er forderte eine Trotzreaktion der Mannschaft: „Jetzt müssen wir für ihn spielen“. Das erste Spiel gegen denFußballzwerg“ Malta verlief aber alles andere als standesgemäß. Deutschland ging durch ein Eigentor der Malteser in Führung, kassierte aber danach den 1:1- Ausgleichstreffen. Erst der späte Treffer durch Stephan Paßlack verhinderte die nächste Blamage. Dabei standen mit Basler, Effenberg, Bierhoff, Babbel und Kahn durchaus namhafte Spieler auf dem Feld. Drei Tage später reichte es im zweiten Testspiel gegen Rumänien erst in der 86. Minute durch ein Tor von Nerlinger zum schmeichelhaften 1:1.  

Es war nicht nur Effenbergs letztes Spiel im Nationaldress, sondern auch Vogts letztes Länder-spiel als Nationaltrainer Deutschlands. In einem Telefonat mit Edidius Braun bot er drei Tage später (07.09.1998) seinen Rücktritt mit der Begründung an, keine Möglichkeit mehr zusehen „angesichts des großen öffentlichen Drucks die Nationalmannschaft mit der nötigen Kraft und Konzentration auf die bevorstehende Qualifikation zur EM 2000 vorzubereiten“.  Und er fügte an: „Außerdem bin ich es mir selbst schuldig, den letzten Rest Menschenwürde zu verteidigen, welcher mir noch gelassen wurde.

Nach 102 Länderspielen, davon 66 Siegen, 24 Unentschieden und 12 Niederlagen endete Vogts Karriere als deutscher Nationaltrainer. Damit erreichte er den bis heute beste Punkteschnitt aller Bundestrainer. Vogts war einer der erfolgreichsten Fußballer aller Zeiten, als Spieler und auch Nationaltrainer. Und seine Einschätzung, dass es der neuen Generation Nationalspieler noch an internationaler Klasse fehlt, sollte sich bewahrheiten. Aber dazu mehr im nächsten Teil meiner Kolumne.

Vogts setzte seine Trainerkarriere bis 2014 fort. Nach einer zweijährigen Pause übernahm er zunächst Bayer 04 Leverkusen. Er löste dort Rudi Völler als Trainer ab, der nach der Entlassung von Christoph als Folge dessen „Kokain-Affäre“ entlassen wurde, für sechs Bundesligaspiele interimsweise auf der Bank saß. „Ich freue mich, nach rund zwei Jahre wieder arbeiten zu können. Wir werden im Sinne von Christoph Dam und Rudi Völler weiterarbeiten“, sagte Vogts. Sportlich schaffte Bayer 04 mit ihm als Trainer in der BL-Saison 2000/2001 mit Platz vier gerade noch die Qualifikation zur Championsleague. Dennoch wurde Vogts nach 189 Tagen entlassen und kassierte eine Abfindung in Höhe von 3 Mio. DM.

Danach stellte ihn der kuwaitische Fußballverband als Nationaltrainer vor. Nach dem „nur“ dritten Platz beim Golfpokal trat er nach fünf Monaten vorzeitig zurück.

Auch das Amt als Nationaltrainer von Schottland beendete er nach gut zweieinhalb Jahren im November 2004 überraschend. Die andauernden Belästigungen und Schmähungen der schottischen Fans wegen seiner durchwachsenen Amtszeit hätten, so Vogts, sogar seine „Privatsphäre angetastet“. Daher würde die notwendige Ruhe und Sachlichkeit für seine Arbeit fehlen.

Nach wieder längerer Pause wurde er Anfang 2007 überraschend zum Nationaltrainer Nigerias berufen, trat aber auch dort ein Jahr später wieder zurück. Er geriet dort wegen seiner defensiven Spielweise und mäßigen Erfolgen unter Druck und kündigte daraufhin fristlos.

Seine letzte Station als Trainer verbrachte er in Aserbaidschan. Er wurde dort Nationaltrainer und blieb dort sechs Jahre als „Entwicklungshelfer“, baute Strukturen auf, professionalisierte das Umfeld der Nationalmannschaft und etablierte moderne medizinische und physio-therapeutische Standards mit Fachpersonal aus Deutschland. Mit neun Punkten holte er das bis dato beste Ergebnis einer Nationalmannschaft in einer WM- Qualifikation. Nach 70 Länder-spielen mit 15 Siegen, 22 Unentschieden und 33 Niederlagen trat er zurück. Ab Frühjahr 2014 arbeitete Vogts als „Special Advisor“ und Scout beim amerikanischen Fußballverband für den damaligen US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann, wurde ein Jahr später fest als Technischer Berater für die US-Nationalmannschaft verpflichtet. Seine Tätigkeit endete im November 2016 im Zuge der Entlassung von Jürgen Klinsmann. Heute, 81-jährig, veröffentlichen das Portal T-Online und die Rheinische Post regelmäßig seine kritischen Analysen zu Turnieren, den DFB-Strukturen und Bundestrainern sowie klare Worte zur Entwicklung des deutschen Fußballs. Sein Hauptkritikpunk ist das heutige Fehlen von Weltklasse-Spielern.

So viel für heute.

Herzliche Grüße aus dem Schwarzwald

Bernhard

 

09.09.2026/Soe