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Ist Jürgen Klopp der „Richtige“? Teil 3. Die sieben Erfolgstrainer

Joachim Löw (2006-2021). „Jogi“ genannt

Klinsmann hatte drei Tage nach dem Sieg im Spiel um Platz drei bei der WM 2006 DFB-Präsidenten Mayer-Vorfelder und dessen Co, Theo Zwanziger (endgültig) mitgeteilt, seinen bis zum 31.07.2006 datierten Vertrag nicht zu verlängern Einen Tag später, am 12.07.2006 wurde sein Rücktritt auf einer DFB-Pressekonferenz offiziell verkündet und zeitgleich sein bisheriger Co-Trainer Joachim Löw als neuer Bundestrainer präsentiert. Bei dieser PK betonte Löw ausdrücklich, den von Jürgen Klinsmann eingeschlagenen Reformkurs fortzusetzen: „Wir haben ein langfristiges Konzept, daran werden wir absolut festhalten. Es gibt keinen Grund, von diesem Konzept abzuweichen. Den roten Faden werden wir mit aller Flexibilität beibehalten“. Und er machte zugleich eine klare Ansage: „Ich sage ganz klar, das Ziel von Oliver Bierhoff, Andreas Köpke, des gesamten DFB-Präsidiums und natürlich auch von mir ist es, den EM-Sieg zu holen“.

Es stehe, so Löw weiter, kein Umbruch, sondern „eine Weiterentwicklung der Spielphilosophie“ an. Der attraktive Offensivball sollte beibehalten werden, aber Löw forderte jedoch gleichzeitig „eine spürbare Optimierung im Abwehrverhalten“. Und meinte zudem, seine „erste Amtshandlung sei, einen Assistenten zu finden“. Einen Tag nach dieser PK berichtete „BILD“ „Die Wahrheit über seinen Rücktritt“ und titelte dazu: „Klinsi: Ich bin ausgebrannt“. „Darum hat er sich gegen seine Jungs entschieden“.

Als entscheidenden Grund, Löw 2004 zu seinem Co-Trainer zu machen, nannte Klinsmann rückblickend ein privates Treffen mit Löw 2004 am Comer See.  „Ich war 18 Jahre lang Profi. Und in den 18 Jahren konnte mir kein Trainer erklären, wie sich eine Viererkette verschiebt. Bei Jogi habe ich das in einer Minute verstanden“.

Das Treffen am Comer See fand auf Initiative von Klinsmann statt, nachdem zuvor der vom DFB und Beckenbauer auserkorene Holger Osieck sowie Ralf Rangnick abgesagt hatten. Osieck wollte seine Aufgabe bei der FIFA nicht aufgeben und Rangnick sah sich als Cheftrainer: „Ich war in meinem ganzen Leben noch nie Co-Trainer“. Löw und Flick hatten gemeinsam an der Sporthochschule Köln ihren Trainerschein gemacht und teilten ihre Auffassung von modernem, schnellen Offensivfußball. Flick stieg nach dem Erwerb seines Trainerscheins im Jahr 2000 direkt als Cheftrainer der TSG 1899 Hoffenheim ein und führte die Mannschaft in seinem ersten Jahr als Trainer in die Regionalliga Süd. Er war einer der wenigen Pioniere, die damals in einer unterklassigen Liga den klassischen Libero abschafften und auf eine Viererkette in der Abwehrkette setzte. Er führte das synchrone Verschieben im Abwehrverbund ein und verlangte von seiner Mannschaft, in Ballnähe stets eine „Zwei gegen Eins“-Überzahlsituationen zu schaffen. Der Fokus lag auf schnellem Umschaltspiel nach Ballgewinn.  Ein anspruchsvoller und laufintensiver Stiel zumal für eine Regionalliga-Mannschaft in der viele „Feierabendfußballer“ aus der Region standen. Nach dem Aufstieg in die Regionalliga profitierte Flick davon nicht unerheblich, dass Dank der finanziellen Unterstützung des Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp (einer der Gründer der SAP) gezielt erste Vollprofis verpflichtet werden konnten. Der Aufstieg der Hoffenheimer in die 2. Bundesliga gelang Flick in seiner Amtszeit von 2000-2005 jedoch nicht. Den schaffte dann sein Nachfolger Ralf Rangnick. Flick heuerte 2006 als Assistent bei RB Salzburg unter Giovanni Trapattoni und Lothar Matthäus an, wurde aber dort nach zwei Monaten vom DFB auf ausdrücklichen Wunsch von Löw abgeworben.

Als Trainer von Mainz 05 hatte Jürgen Klopp nach dem Auftaktspiel zur WM 2006 als Teil des legendären ZDF-Expertenteams mit Johannes B. Kerner und dem Schweizer Schiedsrichterexperten Urs Meier der breiten Öffentlichkeit verständlich erklärt, warum das extrem offensive Spiel von Klinsmann beim 4:2- Auftaktsieg gegen Costa Rica zu Lücken in der Abwehr führten. Dazu benutze er erstmals eine interaktive Taktiktafel (Touchscreentafel) um Spielzüge, Verschiebungen im Spiel und taktische Fehler mit bunten Pfeilen und Kreisen verständlich zu machen. Damit wollte er keineswegs die Spielidee von Klinsmann kritisieren. Das Gegenteil war der Fall. Klopp bildete quasi den Gegenpol zur heftigen Boulevard-Kritik am Duo Klinsmann/Löw. Die Ursache für die Defensivschwächen sah er nicht an einer falschen Grundausrichtung, sondern als Schwäche der Kompaktheit der gesamten Mannschaft im Gegenpressing. Klopp erläuterte voller Begeisterung und anhand der Touchscreentafel leicht verständlich, die Vorzüge der modernen Vierkette, des raumorientierten Verteidigens und der kollektiven Verschiebung der Mannschaft zu der Seite, in der der Ball gespielt wurde. Er betonte auch die Wichtigkeit, die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen vor allem bei Gegenangriffen klein zu halten und wie wichtig die ersten Sekunden nach Ballgewinn und nach Ballverlust sind. Klopp wurde so zum absoluten Publikumsliebling prägte den Begriff des „modernen TV-Bundestrainers“. Bereits am Rande der WM-Spiele 2006 kam es zu direktem und kollegialem Austausch mit Klopp und dem DFB-Trainerstab, Dies war der Grundstein für ein langanhaltendes und professionelles Verhältnis zwischen Klopp und Löw in fußballfachlichen Belangen. Und Hansi Flick passte exakt in dieses Profil.

Löw übernahm von Klinsmann auch das komplette Experten-& Medizinerteam und verfeinerte die klare und moderne Spielidee eines schnellen Kombinationsfußballs mit extremem Kurz-Passspiel und dominantem Ballbesitz - bis zur WM 2014. Auch nach weniger erfolgreichen Auftritten vertrat er die Ansicht, dass der einzige Weg zum Erfolg im Fußball der spielerische Ansatz sei. Inspiriert wurde Löw vom Tiki-Taka, das Cruyff als Cheftrainer des FC Barcelona eingeführt hatte und von dessen Nachfolger Pepp Guardiola perfektioniert wurde und bei der WM 2006 von der spanischen Nationalmannschaft „zelebriert“ wurde.

Bis zum Beginn der EM 2008 in Deutschland bekamen unter Löw insgesamt 41 Spieler die Chance, sich für den 23-köpfigen Kader aufzudrängen. Er verhalf in dieser kurzen Zeit 16 Spielern zu ihrem Debüt in der Nationalmannschaft. Bis zum ersten Gruppenspiel der EM 2008 absolvierte die Nationalmannschaft 21 Länderspiele. Die Ausbeute mit 15 Siegen, vier Unentschieden und lediglich zwei Niederlagen und einem Torverhältnis von 61:14 Toren, also knapp drei Toren pro Spiel, weckte große Erwartungen. Die erste Niederlage ereilte Löws Mannschaft erstmals im neunten Länderspiel unter ihm als Cheftrainer, als das Freundschaftsspiel in Duisburg gegen Dänemark mit 0:1 verloren ging. Dabei kam es zu einem Novum- Auf Grund vieler Ausfälle gaben gleich sechs junge Spieler ihren Einstand in der Nationalelf.  Darunter auch Mario Gomez. Den Kader für die Heim- EM 2008 verkündete Löw spektakulär in fast 3.000 m Höhe auf der Zugspitze bei einem großen Event des DFB, besonders werbewirksam durch die Präsenz der Vertreter aller wesentlichen Sponsoren. Und Löw und der DFB ließen Namen der vorläufig 26 Spieler durch kleine Kinder, die Trikots mit den Spielernummern und Namen trugen, vorstellen. Drei mehr als die 23, die laut UEFA-Reglement wenige Tage später zu benennen waren. Löw beabsichtigte damit, vor dem vorletzten Testspiel in Kaiserslautern gegen Weißrussland den Konkurrenzkampf zur Überraschung aller Anwesenden und der Öffentlichkeit von den Fernsehern zu Hause, nochmals anzuheizen. Beckenbauer kommentierte, dies sei Löws „größter Fehler“. Darauf reagierte Löw: „Ich schätze die Erfahrung, die Meinung und den Rat von Franz Beckenbauer. Aber wir wollen alle Ressourcen ausschöpfen“. Eine sehr sachliche Reaktion, ohne jede Polemik. Auch diese war lange Zeit ein „Markenzeichen“ von Löw im Umgang mit „Experten“ und allen Medien, sachliche Statements ohne „glimm-bimm“. Löw hatte aber auf der Zugspitze weitere Überraschungen zu bieten. Hildebrand (29 Jahre alt), damals beim FC Valencia unter Vertrag, war zuvor von Bundestorwarttrainer Köpke informiert worden, dass er nicht im Kader steht. Dafür wurde René Adler (23 Jahre alt) als Neuling in der Nationalmannschaft nominiert. Der stand bei Bayer Leverkusen unter Vertrag und hatte es nach Einschätzung von Köpke „verdient, an dem Turnier teilzunehmen“. Damit setzten Löw und sein Team auch ein Signal für die Zukunft im Tor der Mannschaft und wollten dadurch auch Druck auf den 38-jährigen Jens Lehmann als aktuelle Nummer 1 im Tor erzeugen. Die zweite dicke Überraschung war die Nominierung von Markus Marin, damals U21-Nationalspieler und mit gerade mal vier Bundesligaeinsätzen im Team von Borussia Mönchengladbach in den vorläufigen Kader berufen. Löw versicherte, „Ich habe die drei Spieler noch nicht im Kopf“, die er noch aus dem Kader streichen musste. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft bei der EM. Wir wollen nochmals einen Konkurrenzkampf“. Marin wurde, wie auch Jones und Helmes beim Testspiel gegen Weißrussland (2:2) zu Beginn der 2. Halbzeit eingewechselt. Marin spielte für Schweinsteiger, Jones für Ballack und Helmes für Klose- alles „Schwergewichte“, auch in der Nationalmannschaft. Danach gab Löw bekannt, dass von den sechs Debütanten, die im Testspiel gegen Dänemark aufgelaufen waren, lediglich Mario Gomez zum endgültigen Kader gehörte und Markus Marin neben Jermaine Jones und Patrick Helmes diejenigen waren, die er noch aus dem Kader zu streichen hatte. Löw hatte die drei Spieler am Tag nach dem Spiel persönlich informiert. Löw kommentierte „Die Entscheidung ist unserem Trainerteam sehr schwergefallen, denn jeder der drei Spieler hätte es verdient gehabt, dem Kader anzugehören“. Und er machte den drei Spielern Hoffnung, „nach der EM wieder im Kreis der Nationalmannschaft dabei zu sein und eine gute Rolle zu spielen“. Die Presse wurde vom DFB per SMS (unspektakulär) in Kenntnis gesetzt. Marin wurde 2009 U21-Europameister und absolvierte 15 weitere Länderspiele, darunter waren letztmals zwei Kurzeinsätze in der Gruppenphase bei der WM 2010 in Südafrika. Helmes kam in weiteren 12 Länderspielen zum Einsatz, verpasste aber die WM 2010 auf Grund eines Kreuzbandrisses und stand auch nicht im Kader für die EM 2012. Jones bestritt weitere drei Testspielespielte, wechselte dann aber den Verband. Er stand für die USA 69-mal auf dem Spielfeld, u.a. auch bei der WM 2014.  

Letztlich waren für Löw Kriterien wie Erfahrung, mannschaftliche Geschlossenheit sowie Verlässlichkeit auf Spieler, die bereits Erfahrungen bei der Heim-WM 2006 durchlebt hatten und deshalb wussten, worauf es unter dem großen mentalen Druck eines solchen Turniers ankommt, entscheidende Faktoren bei der Nominierung des Kaders nicht nur für die EM 2008. Der Erfolg gab ihm Recht, auch wenn das Endspiel gegen Spanien mit 0:1 verloren ging. „Die Entwicklung der Mannschaft ist hervorragend gewesen, sie hat aber auch Schwankungen gezeigt und konnte Leistungen auf Topniveau nicht in jedem Spiel wiederholen“, so Löws Fazit. Und er richtete zugleich den Blick auf die anstehende Qualifikationsrunde für die WM 2010 in Südafrika, bei der er vor allem gleich auch noch vor dem Halbfinalisten Russland bei der EM 2008 warnte: „Die Russen werden uns am meisten zusetzen“.

Mit dem Rücktritt von Lehmann nach der EM 2008 war erneut ein Konkurrenzkampf um die Nummer 1 im Tor der Nationalmannschaft entbrannt. Robert Enke bekam zunächst den Vorzug vor René Adler. Im Oktober 2009 sicherte Adler beim 0:1- Sieg in Russland die Qualifikation für die WM 2010. Ein Monat später endete dieser Konkurrenzkampf mit dem freiwilligen Tod von Enke jäh und tragisch. Adler wurde die neue Nummer 1 im Tor, erlitt aber kurz vor der WM 2010 einen Rippenbruch. Manuel Neuer wurde die neue Nummer 1 im Tor der Nationalmannschaft. Er hatte erst Mitte 2009 sein Debüt im Tor der Nationalmannschaft gegeben. Tim Wiese wurde die neue Nummer 2 im Tor und Löw nahm Hans-Jörg Butt als dritten Torwart mit nach Südafrika. Löw hatte die Mannschaft nach der EM 2008 erneut verjüngt. Neben Lehmann und dem verstorbenen Enke standen vier weitere Spieler aus dem Kader der EM 2008 nicht mehr im Aufgebot. Auch der Kapitän Ballack der EM 2008 Westermann verpassten die WM 2010. Beide waren verletzt.

Dafür wurden sieben junge Spieler, darunter Holger Badstuber, Jerome Boateng, Sami Khedira, Mesut Özil, Thomas Müller und Toni Kroos neu in den Kader berufen. Sie alle waren 2009 mit Horst Hrubesch als Trainer U21-Europameister geworden.  Der Grundstein für eine neue Generation in der deutschen Nationalmannschaft war eingeleitet. Mit dominierendem Tempofußball wurden bei der WM 2010 in Südafrika nach der Gruppenphase zunächst England (im Achtelfinale) mit 4:1 und im Viertelfinale dann Argentinien mit 4:0 faktisch vom Platz gefegt. Im Halbfinale setzte es gegen den amtierenden Europameister Spanien wie bereits im EM-Finale 2008 eine 0:1- Niederlage. Mit dem 3:2- Sieg gegen Uruguay im „kleinen Finale“ durch den entscheidenden Treffer von Khedira reichte es aber erneut zu Platz drei bei der WM 2010. Spanien wurde durch einen 1:0-Sieg gegen die Niederlande erstmals Weltmeister. Spanien gelang es nach Deutschland (1972) erst zum zweiten Mal in der FIFA-Geschichte überhaupt das Double aus Europameister und Weltmeister im Fußball gewinnen.

Löw nutze die Zeit bis zur EM 2012 erneut, um weiteren jungen Spieler eine Chance in Test- und Freundschaftsspielen zu geben. Bis 2012 gaben weitere siebzehn Spieler ihr Debüt. Davon schafften es sechs in den Kader der EM 2012. Bis auf Ron-Robert Zieler, der zur EM 2012 als dritter Torwart reiste, standen Mario Götze, Benedikt Höwedes, Marco Reus und André Schürrle vor einer erfolgreichen Karriere auch in der Nationalmannschaft. Gleichzeitig strich Löw weitere sieben 2010- WM-Fahrer aus dem Aufgebot für die EM 2012. Darunter auch Michael Ballack und Friedrich, die Anfang 2011 zurücktraten, Jansen, Tasci und Kießling sowie Cacau. Vierzehn Spieler der WM 2010 fuhren mit nach Polen und die Ukraine. Löw bewies „einmal mehr: Experimente sind seine Sache nicht“, wie der SPIEGEL“ formulierte. Er war und blieb der klare Verfechter von Kontinuität und langsamer Weiterentwicklung.

Alle zehn Qualifikationsspiele zur EM 2012 wurden mit dem beeindruckenden Torverhältnis von 34:7 gewonnen. Diese Serie setzte sich in der Gruppenphase in der Ukraine fort. Drei Spiele, drei Siege: gegen Portugal, Dänemark und Schweden. Im Viertelfinale gelang nach Toren von Lahm, Khedira, Klose und Reus dann ein ungefährdeter 4:2- Sieg über Griechenland. Im Halbfinale hieß der Gegner Italien, gegen die man bis dato letztmals im Juni 1995 ein Freundschaftsspiel gewonnen hatte aber bei Turnieren immer verloren hatte. So auch bei der EM 2012. Das Spiel ging mit 1:2 verloren. Auch wenn mit Neuer, Lahm, Khedira und Özil vier Spieler in das 23-köpfige UEFA-All-Star-Team gewählt wurden, die Enttäuschung und der Frust saßen tief. Die Italiener verloren das Endspiel gegen Spanien klar mit 4:0. Spanien gewann damit als erste europäische Mannschaft drei Titel im Weltfußball hintereinander. Nach der Niederlage lief die öffentliche Kritik an Löw erstmals „heiß“. Zahllose Experten, darunter Ex-Nationalspieler Ballack, ehemalige Nationalspieler wie Magath, Dietz und Bobic sahen in den häufigen Wechseln von Löw, selbst nach erfolgreichen Spielen, sowie Taktikrochaden die wesentlichen Ursachen. Man warf ihm vor sich im Halbfinale gegen Italien „vercoacht“ zu haben, weil er Andrea Pirlo durch Toni Kross „beschatten“ ließ, was aber schief ging. BILD.de: „Aus, Aus! Der Traum ist aus! Jogi, wo war dein Goldhändchen? Alles aus! 1:2 im EM-Halbfinale gegen Italien… Das war’s“.  Günter Netzer schrieb in Bild am Sonntag, dass Löw die Spielerpersönlichkeiten gefehlt hätten, die die Mannschaft zum Titel führen könnten und Olaf Thon verlieh Löw den Titel „Wechselkönig der EM“, während Matthäus sachlich blieb und Italien über die gesamte Spielzeit als „reifer, abgeklärter, abgezockter“ bezeichnete. Angesprochen auf mögliche Rücktrittsforderungen auf der Pressekonferenz nach dem Spiel kommentierte Löw cool, diese Frage sei „unpassend“. Zurück aus dem Urlaub und mit Abstand zeigte sich Löw bei einer von ihm einberufenen Pressekonferenz in Frankfurt Mitte August 2012 „ungewöhnlich angefasst“ nach der „Medienschelte“. Er verteidigte die Mannschaft leidenschaftlich gegen den aus seiner Sicht unfairen und zu harten Rundumschlag der Öffentlichkeit, wonach seine Spieler auch satt seien verwöhnt oder nicht mit vollem Herzen für Deutschland spielen würden (da wenige Spieler bei der Nationalhymne mitsangen). Auch die Tatsache, im Teamlager auch ein eigener Koch für die Mannschaft dabei war, wurde in diesem Zusammenhang wieder „aufgekocht“. Dazu meinte Löw, lapidar, dies sei internationaler Standard: „Auch Spanien hat einen Koch und macht nicht alles selbst“. Die Kommentare auf seine „Wutrede“ lösten einen massiv gestiegenen Erfolgsdruck auf ihn aus und man warf ihm sogleich vor, mit einer „Mischung aus Sturheit und Dünnhäutigkeit auf berechtigte sportliche Kritik zu reagieren, anstatt Fehler einzugestehen“.

Löw und sein Team setzten im Hinblick auf die WM 2014 in Brasilien unbeirrt auf Kontinuität. Sechszehn der 23 Spieler, die bei der EM 2012 aufgelaufen waren, standen für Brasilien erneut im Kader.  Reus, Gomez, Gündoğan, Schmelzer und erneut Badstuber fielen verletzungsbedingt aus, Wiese hatte in seinen Stammplatz im Verein verloren und Lars Bender musste nach einer Verletzung im Trainingslager auch noch ersetzt werden. Neu dabei waren Shkodran Mustafi, Matthias Ginter, Eric Durm und Christoph Kramer. Sie alle waren bis dahin gerade ein bzw. zwei Mal in der Nationalelf aufgelaufen. Zu den „Neulingen“ zählte auch der 33-jährige Roman Weidenfeller, der zuvor ebenfalls erst ein Mal das Tor der Nationalmannschaft gehütet hatte. Die Qualifikationsrunde zur WM2014 absolvierte die Nationalmannschaft wie zuvor die zur EM 2012 bravourös. Zehn Spiele, davon neun Siege und ein 4:4- Unentschieden im Heimspiel gegen den späteren Gruppenzweiten Schweden und einem Torverhältnis von 36:10. Keine der anderen Mannschaften, die die Qualifikation für die WM 2014 schafften, erzielte mehr Tore, aber keine dieser Mannschaften kassierte mehr Gegentore als Deutschland.  In der Gruppenphase bei der WM in Brasilien gewann die Nationalmannschaft das erste Spiel mit 4:0. Im zweiten Spiel gegen Ghana reichte es nur zu einem 2:2 und im letzten Gruppenspiel ging es gegen die USA. Dabei kam es zum historischen Aufeinandertreffen der „beiden Macher“ des Sommermärchen 2006. Löws Mannschaft gewann mit 1:0. „Wacker durch die Wasserschlacht: Regen von oben, Flanken von rechts, Müller in der Mitte“, kommentierte die Süddeutsche Zeitung“. „Thomas Müller verputzt Klinis US-Boys“, titulierte die Hamburger Morgenpost. Weitaus spannender verlief das K.o.-Spiel im Achtelfinale gegen Algerien. „Was für ein Kraftakt“, so der KICKER nach dem 2:1 -Sieg n.V. durch Tore von Schürrle gleich zu Beginn der Verlängerung und Özil in der 119. Minute und dem Gegentor in der 120+1.-Minute. Zum vierten Mal in Serie stand Deutschland im Halbfinale einer Weltmeisterschaft, wo Frankreich mit Didier Deschamps als Coach wartete. Löw stellte um. Hummels, Khedira und Klose starteten für Mertesacker, Mustafi und Götze. Hummels bildete mit Boateng das Abwehrzentrum und Lahm besetzte die rechte Verteidigungsseite. Schweinsteiger und Khedira spielten erstmals die „Doppelsechs“. Thomas Müller, Özil und Kroos bildeten das offensive Mittelfeld und für ganz vorne war Klose zuständig. Hummels besorgte nach einem Freistoß von Kroos per Kopf bereits nach wenigen Minuten das 1:0 und stand hinten gegen Benzema mehrfach goldrichtig. Neuer hielt den Kasten sauber. Auch in der zweiten Halbzeit, in der die Franzosen vehement am Ausgleich arbeiteten. Der taktische Wechsel von Löw nach 70 Minuten verhalf dem Angriffsspiel der Nationalmannschaft zu wieder mehr Gefahr vor dem Tor der Franzosen. Schürrle kam für Klose und Thomas Müller stürmte nun als Spitze. Hinten überragten nach wie vor Hummels und Neuer, der gegen Bensema großartige Paraden zeigte. Deutschland stand im Halbfinale. Der Gegner hieß der Gastgeber Brasilien. Brasiliens Trainer Scolari hatte kurz vor der WM eine Psychologin engagiert, auch das Trauma, bei den letzten beiden Weltmeisterschaften jeweils im Viertelfinale gescheitert zu sein, zu verarbeiten. Scolari wollte sich damit auch gegen Vorwürfe wappnen, seine Mannschaft sei dem öffentlichen Druck nicht gewachsen und meinte: „Die Spieler mögen es. Das ist nichts Außergewöhnliches“.

Auf Seiten Brasiliens fehlten zwei wichtige Spieler. Neymar hatte sich im Viertelfinale gegen Kolumbien (2:1) einen Lendenwirbelbruch zugezogen und Thiago Silva, Kapitän und Abwehrchef, verfolgte das Spiel als Folge seiner 2. Gelben Karte von der Tribüne aus.   Löw vertraute auf die Aufstellung, die Frankreich im Viertelfinale besiegt hatte. Klose stand als erster Spieler in seinem vierten Halbfinale, Kroos trug zum 50. Mals das DFB-Trikot und Löw stand zum 111. Mal an der Seitenline „so häufig wie seine Vorgänger Klinsmann, Völler und Ribbeck zusammen“.

In den ersten zehn Minuten bestimmte Brasilien das Spielgeschehen, bis es in der 10. Minute den 1. Eckball für Deutschland gab. Ecke von Kroos, Thomas Müller kommt frei zum Schuss per Volley und es steht 1:0 für Deutschland. Zweite Chance, zweiter Treffer. Kroos bedient am Strafraum Thomas Müller, der zum freistehenden Klose direkt weiterleitet und im Nachschuss zum 2:0 traf. Was dann in den nächsten sechs Minuten abging, das gab es in der Geschichte der FIFA-WM bis heute nicht mehr. Nach 29 Minuten führte Deutschland nach zwei weiteren Treffern durch Kross und dem Tor von Khedira mit 0:5. „Brasilien wird in seine Einzelteile zerlegt“, so im KICKER -Live-Ticker. Nach 60 Minuten zeigen sich in der brasilianischen Abwehr Auflösungserscheinungen. Zuvor hatte Neuer mit Glanzparaden „die Null festgehalten“. Schürrle wurde erneut für Klose eingewechselt und besorgte sowohl das 6:0 als auch das 7:0. Den Brasilianern gelang erst in der 90. Minute das „Ehrentor“ zum 7:1- Endstand. Sowohl das öffentliche Fernsehen als auch die sozialen Medien „Facebook“ und „Twitter“ verzeichneten neue Rekorde.  Am Tag danach wurde das Empire State Building in den Farben Schwarz-Rot-Gold beleuchtet. Internationale Fußball-Legenden und Trainer überschlugen sich einerseits mit überschwänglichem Lob und Anerkennung aber auch Ungläubigkeit für die Leistung der deutschen Mannschaft und andererseits mit beißender Kritik an der brasilianischen Mannschaft und deren Trainer. Der brasilianische Verbandschef verstieg sich sogar zu dem geschmacklosen Vergleich mit den Terroranschlägen am 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York: „Du glaubst es nicht, es ist genau wie damals mit den Zwillingstürmen. Du siehst, wie der erste Turm zerstört wird, danach der zweite. Es sah aus wie eine Fiktion, war nicht real. Es ging alles sehr schnell, es gab keine Zeit zu reagieren“.

Oliver Kahn sprach von einer „kollektiven Implosion“, es sei ein totales Versagen einer ganzen Mannschaft von der ersten bis zur letzten Minute gewesen, die „habe taktisch alles falsch gemacht“ und sei so der deutschen Mannschaft „ins offene Messer gelaufen“.

Dieses Spiel wurde bei einer Abstimmung unter den DFB-All-Stars 2023 aus Anlass des 1000. Länderspiels der deutschen Nationalmannschaft mit Abstand zum besten Spiel überhaupt gewählt.  Vor dem „Wunder von Bern“, dem „Jahrhundertspiel“ (Halbfinalspiel bei der WM 1970, das Italien gegen Deutschland mit 4:3 n.V. gewonnen hatte) und der „Nacht von Sevilla“ (als Deutschland bei der WM 1982 im Halbfinale Frankreich nach Verlängerung im Elfmeterschießen mit 5:4 gewann).

Löw und sein Team hatten die Spielweise der Brasilianer vor dem Halbfinale „bis ins letzte Detail“ analysiert und dabei Schwachstellen in deren Defensive ausgemacht. Löw berichtet, dass er seinen Co-Trainer Hansi Flick nach 30 Minuten gefragt hätte:“Hansi, sag mal, ist das wirklich real, was hier passiert“. In der Halbzeit, so berichtete Löw später selbst, habe er den Spielern gesagt, dass er erwarte, dass weiter „konzentriert, disziplinier und seriös“ gespielt wird. Und er fügte nach eigenen Aussagen hinzu, dass „derjenige ein Problem im Hinblick auf einen Einsatz im Finale bekommt, der das nicht mehr für nötig hält“. Auch, weil er nicht wollte, „dass irgendeiner anfängt, die Brasilianer vor einem Millionenpublikum lächerlich zu machen“ und erinnerte an die WM 2006, „wie schmerzvoll es ist, vor eigenem Publikum das WM-Endspiel zu verpassen“.  Starke Worte eines der größten Trainer der deutschen Nationalmannschaft und bezeichnend für Löw.

Im Endspiel gegen Argentinien wollte Löw die Aufstellung gegenüber dem Halbfinale gegen Frankreich unverändert lassen. Da sich aber Khedira beim Aufwärmen verletzte, rückte Christoph Kramer in die Startformation. Der 23-jährige hatte bis dahin zwei Länderspiele und diese erst unmittelbar vor Beginn des Endturniers bestritten. Im Endturnier stand Kramer im Achtelfinale für gerade 11 Minuten in der Verlängerung auf dem Platz, im Viertelfinalspiel gegen Frankreich reichte es lediglich zu zwei Minuten Spielzeit. Bei Borussia Mönchengladbach trug mit regelmäßigen starken Leistungen wesentlich dazu bei, dass sich die Mannschaft am Ende der BL-Saison 2013/2014 direkt für die UEFA-Champions League qualifizierte. Beim Endspiel wurde Kramer zur tragischen Figur. Nach einem Zusammenprall mit einem argentinischen Spieler konnte er zunächst weiterspielen, musste aber dann nach einer halben Stunde mit Verdacht auf Gehirnerschütterung doch das Feld verlassen. Er hatte auf dem Spielfeld völlig seine Orientierung verloren, nachdem er den Schiedsrichter bereits nach dem Zusammenprall gefragt hatte, ob dies das Endspiel sei. Für ihn durfte wieder Schürrle ran, der „Edeljoker“ bei der WM 2014. Er stand nur gegen Ghana nicht auf dem Platz, spielte gegen Algerien von Anfang und schoss in der Verlängerung das entscheidende 1:0 Tor. Bei den weiteren fünf Spielen wurde er jeweils eingewechselt und bewies mit zwei Toren zum 6:0 und 7:0 im legendären Halbfinale gegen Brasilien auch seine Abschlussstärke.  Und er sollte nach seiner Einwechslung mit einem unwiderstehlichen Tempovorstoß auf der linken Seite und einer genialen Flanke das „goldene“ Tor vorbereiten. Nach torloser und ausgeglichener erster Hälfte parierte Neuer erneut glänzend, erst gegen Messi und dann gegen Higuain. Das Spiel wurde zunehmend härter, ohne dass einer der beiden Mannschaften ein Tor gelingen sollte. Kurz vor Ende der regulären Spielzeit wurde Klose unter tosendem Beifall ausgetauscht. In Brasilien erzielte er zwei Tore und löste mit dann 16-WM-Toren Ronaldo als WM-Rekordtorschütze ab. Dieser Rekord hielt bis zur diesjährigen WM in den USA. Dort überholte ihn zunächst Messi, der bei der WM 2026 acht Tore schoss und damit insgesamt 19 WM-Tore erzielte und dann auch noch Mbappé der mit 10 Toren bei der WM 2026 nun bei insgesamt 22 WM-Toren steht. Nach der WM 2014 beendete Klose seine Karriere als Nationalspieler- mit 137 Spielen und 71 Toren ist er bis heute der erfolgreichste Torschütze der deutschen Nationalmannschaft. Lediglich Lothar Matthäus bestritt bisher mehr Länderspiele (150). Zurück zum Endspiel in Brasilien. Die Spannung stieg weiter und das Spiel entwickelte sich zu einem offenen Schlagabtausch. Zu allem Überfluss zog sich Schweinsteiger in einem der zahlreichen und kompromisslos geführten Zweikämpfe mit einem argentinischen Spieler (Aguero, der bei Manchester City zwischen 2014 und 2021 zum Rekordtorschützen wurde und kurze Zeit nach seinem Wechsel zum FC Barcelona auf Grund gesundheitlicher Beschwerden seine Karriere beenden musste) unter dem rechten Auge eine blutende Platzwunde zu. Das Spiel war minutenlang unterbrochen, die Platzwunde wurde getackert und Schweinsteiger, eines der Mentalmonster dieser Fußball-Generation, spielte weiter. Und dann folgte Schürrles Auftritt. Er nahm ein Zuspiel von Kroos an, drehte sich und legte einen irrwitzig schnellen Sololauf auf dem linken Flügel hin, flankte aus vollem Lauf vors Tor der Argentinier, wo Götze unbedrängt den Ball artistisch mit der Brust annahm, sich mit links den Ball selbst vorlegte und ihn dann mit einem satten Direktschuss ins Tor der Argentinier knallte.

Die Weltmeisterelf von 2014 verkörperte eine Mischung aus den „klassischen deutschen Tugenden und moderner spielerischer Klasse“. Sie bestach durch extreme Widerstandskraft und Leidensfähigkeit, taktischer Flexibilität und Disziplin und besaß in Lahm, Schweinsteiger. Mertesacker. Hummels und Thomas Müller mehrere Führungspersönlichen, die durch Leistung und Kommunikation führten und alle anderen Spieler mitnahmen. Löw setzte auf eine klare Linie, bewahrte immer die Ruhe, bezog Führungsspieler eng in seine Überlegungen ein und besaß auch die Klasse, die Taktik während des Turniers anzupassen.

Löw stand mit dem vierten Titel bei einer Fußballweltmeisterschaft für den DFB im Zenit seiner Trainerkarriere. Anders als Beckenbauer und Helmut Schön vor ihm, trat er nicht zurück. Er wollte nach dem WM-Triumpf 2014 nun auch den EM-Titel 2016 für Deutschland gewinnen. In einem EM-Talk von Sebastian Hellmann (Sky) hatte Löw 2023 rückblickend sein Weitermachen so begründet: „Wir wollten eigentlich das Schiff nochmals zum Laufen bringen“. 

Im endgültigen 23-köpfigen Kader für die die EM 2016 in Frankreich standen immerhin noch 14 Spieler der Weltmeisterelf 2014. Drei Spieler waren aus dem DFB-Team zurückgetreten: Lahm, Klose und Mertesacker. Nicht mehr im Aufgebot standen die beiden Torhüter Weidenfeller und Zieler sowie Großkreutz, Durm, Kramer und Ginter. Reus verpasste zum dritten Mal und erneut verletzungsbedingt die Teilnahme an einem Turnier der Nationalmannschaft. Mit Bernd Leno (1 Länderspiel) und Marc ter Stegen (6) rückten hinter Neuer zwei neue Torhüter auf und Joshua Kimmich (1) sollte mittelfristig Lahm ersetzen. Neu berufen wurden Emre Can (6 Länderspiele), Jonas Hector (14), Julian Weigl (1), Tah (1) und Leroy Sane (3). Als Ersatz für Klose holte Löw Gomez (64 Länderspiele), damals bei Besiktas Istanbul unter Vertrag, zurück in den Kader. Die Qualifikation zur EM in Frankreich verlief mit 7 Siegen, einem Unentschieden und zwei Niederlagen (2:0 in Polen und 1:0 in Irland) zufriedenstellend. In der Finalrunde mit 16 Mannschaften erreichte die Mannschaft von Löw nach Siegen gegen die Slowakei (3:0) und dem 6:5 nach Elfmeterschießen gegen Italien zum dritten Mal hintereinander das Halbfinale einer Europameisterschaft. Dort scheiterte sie zweiten Mal hintereinander. Nach 2012 gegen Italien nun gegen Frankreich, das sich für die 1:0-Niederlage bei der WM 2014 mit einem 2:0-Sieg revanchieren konnte. Griezmann erzielte beide Tore, zum 1:0 in der Nachspielzeit der 1. Halbzeit, mit einem verwandelten Handelfmeter zum 2:0 in der 2. Halbzeit. Der Katzenjammer war wieder groß. Bierhoff reagierte „fassungslos“. „Es war unglücklich und ein bisschen dumm auch. „Wir haben die Franzosen beherrscht“. Und weiter: „Es fehlte immer etwas, insofern müssen wir die Niederlage akzeptieren“. The Telegraph kommentierte: „58 Jahren des Schmerzes sind vorbei. Frankreich schlägt Deutschland in einem Turnier erstmals nach all den Jahren… „.

Gegen Portugal verlor Frankreich dann im Endspiel mit 1:0 n.V.

Löw wollte seinen bis zur WM 2018 laufenden Vertrag erfüllen. Da aus sportlichen Gründen auch nichts dagegensprach, hieß das neue Ziel: Titelverteidigung bei der WM 2018 in Russland. Löw nutzte den Confed Cup 2017 in Russland dazu, erneut junge Spieler zu testen. Deutschland war als amtierender Weltmeister für das Turnier der sechs kontinentalen FIFA-Meister und dem Gastgeber der WM 2018 Russland, als achter Teilnehmer, startberechtigt.  Fast alle Leistungsträger der Nationalmannschaft sollten sich vor der strapaziösen WM-Saison 2017/2018 erholen und blieben daher zu Hause. Drei Weltmeister 2014 stehen im Kader, dazu sieben Debütanten. Mit dabei waren unter anderen Kimmich, Antonio Rüdiger (24 Jahre), der die EM 2016 wegen eines Kreuzbandrisses verpasst hatte, Niklas Süle (21 Jahre) und Benjamin Henrichs (20 Jahre). Dazu Julian Brandt (21 Jahre), Leon Goretzka (22 Jahre) und Timo Werner (21 Jahre). Lars Stindl (28 Jahre) und Sandro Wagner (29 Jahren) waren die beiden ältesten Spieler im Aufgebot. Mit 24 Jahren und vier Monaten stellte Deutschland das jüngste Team. Im ersten Spiel gegen Asien-Meister stand Bernd Leno im Tor. Stindl und Gorezka erzielten ihr erstes Tor im Dress der Nationalmannschaft ehe auch Draxler als dritter Spieler zum Zwischenstand von 3:1 traf. Das Tor der Australier kurz vor Spielende zum 3:2- Endstand war „Ergebniskosmetik“. Im zweiten Spiel gegen den Gewinner der Copa América 2015 Chile traf erneut Stindl, dieses Mal zum 1:1-Ausgleich und Endstand. Im dritten Spiel gegen Afrikameister Kamerun gelangen Demirbay und Werner ebenfalls ihre ersten Tore, der nach dem 2:1-Anschlusstreffer der Kameruner zum zweiten Mal zum 3:1-Endstand traf. Dieses Spiel war das 150. Spiel unter Löw und gleichzeitig der 100. Sieg.  

Im Halbfinale hatte Mexico gegen Deutschland bei 4:1 keine Chance. Goretzka mit einen Doppelpack vor der Pause, Werner und Amin Younes besiegelten die klare Niederlage der Mexikaner. Damit hatte Deutschland erstmals die Tordifferenz aller Länderspiele auf + 1000 geschraubt. Der Endspielgegner hieß wieder Chile und Deutschland gewann erneut, durch ein Tor von Stindl zum 1:0- Sieg. Damit gewann Deutschland erstmals den ConFed Cup, Werner wurde mit drei Toren und zwei Torvorlagen zum besten Spieler ernannt. Draxler wurde als bester Spieler des Turniers gewählt. Zudem erhielt die deutsche Mannschaft den FIFA-Fair-Play-Award.  Der FIFA Confed Cup 2017 war zugleich das letzte Turnier dieser Reihe. Dafür installierte die FIFA die FIFA-Klub-Weltmeisterschaft mit nun 32 Teilnehmern als Vorbereitungsturnier ein Jahr vor einer Weltmeisterschaft.

Löw hatte den Confed Cup-Kader 2017 bewusst als Turnier für eine „B-Elf“ ausgerufen. Die Stammspieler sollten sich zur Regeneration eine Sommerpause gönnen. Er betrachtete den Confed Cup 2017 als Sichtungsturnier, vertraute aber für die WM 2018 erneut auf seine Stammspieler der WM 2014. Eine Reihe von Spielern aus dem Confed Cup-Kader ergänzten den Kader für die WM 2018. Dazu gehörten Werner, Draxler, Goretzka, Kimmich, Süle und Brandt. Brandt erhielt den Vorzug gegenüber Sané. Der hatte in den Vorbereitungsspielen die taktischen Vorgaben sowie die auch geforderte Defensivarbeit nicht wie gewünscht umgesetzt. Auch Niels Petersen, Johnathan Tah und Bernd Leno wurden aus dem endgültigen Kader gestrichen. Dagegen stand Reus erstmals im Aufgebot und kam bei der WM 2014 auch zum Einsatz.

In der Qualifikation, die auch als Titelverteidiger zu bestreiten war, gewann Deutschland alle 10 Spiele und wies ein Torverhältnis von 43:4 auf. Der Ausgang der WM in Russland ist den meisten Fans noch in guter Erinnerung.  Erstmals scheiterte die deutsche Nationalmannschaft nach der Gruppenphase. Nach der 0:1- Auftaktniederlage gegen Mexico und dem knappen 2:1-Sieg gegen Schweden ging das Spiel gegen Südkorea mit 2:0 in die Binsen. Aus, vorbei, als Gruppenletzter. Als Gründe dafür wurden viele angeführt. Von mangelnder Einstellung der Spieler als Hauptfaktor war die Rede. Rüdiger soll eine Wasserpfeife nach Russland mitgebracht haben, Draxler einen Spielkonsole-Koffer, Werner soll ein Teamfrühstück verschlafen haben und das WLAN soll abgeschaltet worden sein, um die Spielwut einzudämmen, die auch wegen des vom DFB gewählten abseits am Waldrand vor den Toren von Moskau gelegenen Quartiers ausgeufert sein soll. Außerdem wurde der DFB wegen mangelnder Fannähe massiv kritisiert und Marketing-Slogans, wie DIE MANNSCHAFT oder #ZSMMN wurden als Abgehobenheit oder sehr künstlich der DFB-Spitze bezeichnet. Löw stand nach der Pleite in der längsten Pressekonferenz aller Zeiten den Journalisten Rede und Antwort und erklärte, er habe Fehler gemacht, die „fast schon arrogant“ gewesen seien und er habe alles „perfektionieren“ und „auf die Spitze“ treiben wollen.  Löw wurde (erneut) „Sturheit“ vorgeworfen, die Gegner unterschätzt und konzeptlos agiert zu haben. Spannungen und langanhaltenden Debatten um das von Mesut Özil und Ilkay Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten hatten zudem die Ruhe im Team schwer belastet. Die DFB-Spitze und Vertreter der Bundesligavereine und Trainer wie Klopp und Völler plädierten für den Verbleib von Löw, „um den Neuanfang zu gestalten“.

Dieser Neuanfang ging bekanntlich schief. Löw scheute zunächst den radikalen Schnitt nach der WM in Russland zu machen. Erst als die neu gegründete Nations League 2019 als Gruppenletzter hinter Frankreich und die Niederlande im sportlichen Fiasko endete reagierte Löw. Er bootete Thomas Müller, Hummels und Boateng aus, holte aber Müller und Hummels nach dem 0:6 Debakel gegen Spanien für die wegen Corona auf 2021 verschobene EM 2020 wieder zurück. Nach dem Achtelfinal-Aus bei der EM 2020 mit 0:2 gegen England trat Löw, wie bereits zuvor angekündigt, zurück. Die junge Mannschaft war überfordert, es fehlten Spielerpersönlichkeiten, Hierarchie und defensive Organisation.

Nach 198 Länderspielen, davon 124 Siegen, 40 Unentschieden und 34 Niederlagen endete die Ära von Joachim Löw 2021 nach 15 Jahren als Fußballnationaltrainer Deutschlands.

Drei Jahre später bedauerte er bei SWR-Sport im Dritten, nach dem Vorrunden-Aus bei der WM 2018 als Bundestrainer nicht aufgehört zu haben. „Das war sicherlich ein Fehler“. „Nach so einer Geschichte hätte ich sagen müssen: ich mache den Weg frei. Jetzt müssen neue Impulse her, ein paar neue Ideen, ein neuer Trainer. Das wäre sicherlich besser gewesen“.

Dabei mangelt es im Spitzenfußball trotz Verpflichtung aller Profivereine durch den DFB im Jahr 2001, als Folge des Bossman-Urteils 1995, Nachwuchsleistungszentren einzurichten, an Nachwuchsspielern mit Anlagen für Weltklasse-Qualität. Kritisiert wurde die in den NLZ vorherrschende Ausbildung mit „sehr taktischer und ergebnisorientierter Ausrichtung“ (es gibt keine „Straßenfußballer“ mehr). Außerdem schaffen bis heute nur unter 1% der NLZ- Spieler den Sprung in die Bundesliga. Viele in Deutschland geborene und ausgebildete Talente besitzen die doppelte Staatsbürgerschaft und entscheiden sich dann (auch „Dank“ ihrer Berater schon in frühen Jahren) für das Heimatland ihrer Eltern oder eines Elternteils oder werden von Scouts anderer Verbände mit horrenden Handgeldern und Gehaltsversprechungen abgeworben. Ein Thema, das der DFB erst jüngst aufgegriffen hat, sowie Überlegungen anstellt, eine U21-Bundesliga einzuführen.

Die Ära des erfolgreichsten und folgenreichsten Nationaltrainerduo Klinsmann/Löw war auch überschattet durch die Geschäftspolitik und Gier (schon) des damaligen FIFA-Präsidenten Havelange, den Gewinn aus einer Weltmeisterschaft durch die Versteigerung der FIFA-Vermarktungsrechte exklusiv an einen Sportrechtevermarkter zu maximieren. Havelange verkaufte 1996/1997 die weltweiten Vermarktungsrechte für die WM 2002 und 2006 exklusiv an die von Horst Dassler (Adidas-Sohn) 1982 im schweizerischen Zug gegründete „International Sport and Leisure (ISL)-Sportmarketing“. Diese ging aus der Konkursmasse der im Jahr 1997 vom Sohn des Adidas- Gründer (Adolf Dassler), Horst Dassler und eines britischen Werbefachmanns gegründeten Sportagentur mit Sitz in Monaco mit dem Namen „SMPI (Société Monégasque de Promotion Internationale“) hervor. Im ersten Schritt ihrer Markteroberung hatte Adidas unter seinem Gründer Adolf Dassler Sportathleten Geld angeboten, wenn sie Adidas-Produkte trugen. Das war die Geburtsstunde der Testimonials. Adidas zahlte auch der FIFA ab der WM 1970 Geld dafür, dass bei FIFA- Weltmeisterschaft von nun an grundsätzlich nur exklusiv von Adidas entwickelte Fußbälle („Telstar“ bei dem WM 1970) eingesetzt wurden. Diese Bälle trugen und tragen neben dem Schriftzug des Namens für den Ball auch das Adidas-Logo und den Adidas-Schriftzug. Auch die Spieler der deutschen Nationalmannschaft trugen bereits vor dem Abschluss des lukrativen, offiziellen Werbevertrages des DFB mit Adidas mit dem Adidas-Logo beflockte Trikots und entsprechende Adidas- Kickstiefel.  Adidas war auch einer der Pioniere, die ab Ende der 1960er-Jahre massiv in die systematische Bandenwerbung investierten. Daraus entwickelte Horst Dassler eine damals völlig unbekannte, neue Form des Sportmarketings.  Er sicherte sich Zug und Zug die Ausstattung zahlreicher Nationalmannschaften für verschiedene, aber attraktiven Sportarten. Dabei konzentrierte er sich auf Sportarten, für die Dank des aufkommenden Fernsehen-Zeitalters eine große und breite Reichweite sowohl für die Adidas-Produkte als auch für Bandenwerbung erwarten ließen.

Die meisten Sportverbände hatten damals als e.V. rechtliche Probleme im Umgang mit Einnahmen aus ihrem wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb. Die Lösung war, eine externe Agentur zu beauftragten, ihre Medien -und Marketingrechte zu vermarkten. So organisierte das auch der DFB und beauftragte 1977 Horst Dasslers Agentur SMPI damit, diese exklusiv zu vermarkten. Nach deren Konkurs im Jahr 1982 war nun ISL die Agentur, die die Rechte des DFB vermarkteten.   

1996 hatte die ISL mit ihrer Muttergesellschaft, die „International Sports Media & Marketing (ISMM)“, eine Bietergemeinschaft mit dem Medienkonzern von Leo Kirch (Kirch- Gruppe) gebildet, um sich bei der FIFA um den Kauf der TV- sowie der Marketing- und Sponsoringrechte für die WM 2002 und WM 2006 zu bewerben. Die ISMM, damals eine der weltweit größten Agenturen im Sportmarketing, war ebenfalls im Besitz von Horst Dassler. Zur Kirch-Gruppe gehörten u.a. mehrere der größten privaten Fernsehsender in Deutschland sowie der Pay-TV-Spartensender Premiere (heute Sky). Die Bietergemeinschaft erhielt von der FIFA den Zuschlag. Die Vermarktung der TV-Rechte für Europa sollte die Kirch-Gruppe durchführen, die für die außereuropäischen TV-Rechte, ohne die USA, sowie der globalen Marketing- und Sponsorenrechte lagen bei der ISL/ISMM. Die ISL hatte in dieser Zeit u.a. auch mit dem Leichtathletik-Weltverband IAAF einen 10-Jahresvertrag für die Vermarktung der alle zwei Jahre ausgetragenen Leichtathletik- WM zwischen 1999 (Sevilla) und 2009 (Berlin) unterzeichnet. Der von der ISL ebenfalls 1999 mit der ATP abgeschlossene 10-Jahresvertrag für die Vermarktung der ATP-Tennis-Turniere inclusive der Mastersturniere (für 1,2 Milliarden USD) sowie das praktisch zeitgleiche Investment der ISL in die weltweite Vermarktung der US-amerikanische Formel-Rennserie CART (als Wettbewerb zur Formel 1 gedacht) und das gleich für 19 Jahre stellten sich nach kurzer Zeit als gravierende Fehlinvestitionen heraus. Die ISL konnte bereits nach dem ersten Jahr die der ATP und CART garantierten, immensen jährlichen Zahlungen ohne erhebliche Neuverschuldung/Kreditaufnahme nicht mehr leisten, da die prognostizierten Abonnentenzahlen völlig überzogen waren. Den Vertrag mit der ATP konnte die ISL rasch und einvernehmlich auflösen in dem sie der ATP eine Ausgleichszahlung in Höhe von ca. 150 Mio. USD leistete und so ein drohendes Gerichtsverfahren abwenden konnte. Mit der CART zogen sich die entsprechenden Verhandlungen zu lange hin: Die ISL und damit auch die ISMM kollabierten finanziell und musste Konkurs anmelden. Die Schweiz erlebte den bis dahin zweitgrößten Konkurs ihrer Geschichte. Die FIFA selbst handelte rasch. Nach dem Aufkommen der Gerüchte um eine mögliche Insolvenz der ISL hatte das „Dringlichkeits- Komitee“ der FIFA vorsorglich im Frühjahr 2001 die Gründung einer eigenen unabhängigen Marketing-Abteilung beschlossen: „Die FIFA-Marketing AG“. Nach der Pleite der ISMM/ISL fielen die kompletten Vermarktungsrechte für die WM 2002 und 2006 zurück zur FIFA. Beim Abschluss des Bietervertrags hatte sich die Kirch-Gruppe ein Vorkaufsrecht für die von der ISMM ursprünglich erworbenen außereuropäischen TV-Rechte gesichert. Davon machte sie nun Gebrauch und kam damit in den Besitz der kompletten TV-Vermarktungsrechte dieser beiden FIFA-WM. Zeitgleich wurde mit der FIFA vereinbart, die Vermarktungsrechte für die WM 2002 und 2006 aus der Kirch-Gruppe auszulagern und in eine separate AG einzubringen. Dazu erfolgte die Gründung der „KirchSport AG“ als 100%-ige Tochtergesellschaft der Kirch- Gruppe mit Sitz im schweizerischen Kanton Zug.

Aber es sollte kurz vor Beginn der WM 2002 noch prekärer werden. Auch die Kirch- Gruppe hatte sich nicht zuletzt durch den Erwerb teurer Filmrechte gehörig verschuldet. Verschärfend kam hinzu, dass „Premiere World“, die Filme-Abo-Sparte von Premiere, tiefrote Zahlen schrieb, weil die zum „Überleben“ notwendigen Kundenzahlen trotz der Übertragungsrechte für die Fußball-Bundesliga bei Weitem zu gering waren. Die Kirch-Gruppe begann nun auch zu „wackeln“.  Ungeachtet dessen zog die KirchSport AG die TV-Vermarktung der WM 2002 durch und erfüllte auch ihre Zahlungsverpflichtungen gegenüber der FIFA. Die FIFA vermarktete ihre Marketing- und Sponsorenrechte für die WM 2002 in Eigenregie und hat diese Strategie bis heute beibehalten. Erst Infantino scheiterte am Widerstand der Mehrheit der FIFA-Verbände bekanntlich kürzlich, einen Teil der FIFA-Vermarktungsrechte (TV- und Internetrechte und die Marketing- und Sponsorenrechte) an eine private Investorengruppe zu verkaufen.

Kurz nach der WM 2002 stellte Rolf-E. Breuer, damals Chef der Deutschen Bank (Hauptkreditgeber der Kirch-Gruppe), in einem TV-Interview die Kreditwürdigkeit der Kirch-Gruppe in Frage. Daraufhin räumten ihr Banken keine weiteren Kredite mehr ein. Nun meldete auch die Kirch-Gruppe Insolvenz an.  Damit fielen die TV-Vermarktungsrechte der WM 2006 erneut an die FIFA zurück. Hierfür gab es aber aus Sicht der FIFA eine Lösung.  Sie verkaufte ihre TV- und nun auch die Internetrechte für diese WM 2006 an die eigens dafür neu gegründete „Infront Sports & Media AG (Infront)“.

Namhafte Investoren hatten die TV-Rechte für die WM 2006 in Deutschland aus der Konkursmasse der KirchSport AG herausgekauft, benannten sie in „Infront Sports & Media AG“ (Infront) um und versorgten das neue Unternehmen mit „frischem Geld“.  Der Firmensitz im Kanton Zug wurde beibehalten. Zu den prominenten Käufern zählte der französisch-schweizerische Unternehmer Robert Lois-Dreyfus. Er hatte Adidas in den 1990er-Jahren als Vorstandsvorsitzender vor der Pleite gerettet und war u.a. auch Präsident und langjähriger Hauptaktionär von Olympic Marseille. Wesentliche Geldgeber waren zudem Nicole Junkermann, einzige Tochter und Erbin des Unternehmers Heinz Junkermann, die Schweizer Kaffeedynastie KJ Jacobs AG sowie der saudi-arabische Scheich und Multimilliardär Saleh Abdullah Kamel, der auch als Pionier des (zinsfreien) islamischen Bankwesens in die Geschichte einging. Günter Netzer war auch dabei. Als Mitbegründer und Mitgesellschafter war er das prominente Gesicht der Infront und nutze als „Executive Director“ seine exzellenten Kontakte in die Fußballwelt.  Präsident und CEO von Infront wurde Philippe Blatter, Neffe des damaliger FIFA-Präsidenten Sepp Blatter. Netzer war nach seiner Karriere als Fußballer (1986) von dem Schweizer Cesar W.  Lüthi, der nach seiner Karriere als Basketballprofi in den USA, in Kreuzlingen/CH die „CWL-Telesport & Marketing AG“ (CWL) gegründet hatte, als Direktor (im Angestelltenverhältnis) in sein Unternehmen geholt worden. Dort prägte Netzer das Geschäft mit Fernseh- und Bandenrechten im Profifußball. Die CWL gewann als wichtigen Partner u. a. auch den DFB. Das Kirch- Imperium hatte die CWL 1999 zu 85% übernommen, fusionierte CWL mit der Agentur „Prisma Sports & Media“ und hatte das daraus entstandene Gebilde anschließend in die KirchSport AG eingegliedert. Prisma Sports & Media spielte damals eine bedeutende internationale Sportrechte- und Marketingagentur. Sie wurde in den 1990er- Jahren von ehemaligen Topmanagern der ISL gegründet. 2011 änderten sich die Gesellschafterverhältnisse der Infront. Mit der Private-Equity- Firma „Bridgepoint Group“ (Hauptsitz in London) bekam Infront einen neuen Gesellschafter und zahlte dafür 650 Mio. EURO. Als Netzer 2017 in Ruhestand ging, würdigte ihn Philippe Blatter, unverändert „President & CEO“ von Infront: „Wir sind sehr traurig, dass Günter Netzer uns verlässt und in seinen wohlverdienten Ruhestand geht“.

„Bridgepoint“ wiederum verkaufte Infront Anfang 2015 an den chinesischen Mischkonzern „Dalian Wanda Group“. Diese Gruppe übernahm 68,2% an Infront und zahlte dafür 1,05 Milliarden EURO.  Wer die restlichen 31,8% Minderanteile hält, ist auch nach einer erst in diesem Jahr durchgeführten behördlichen Untersuchung nicht namentlich offengelegt.

ARD und ZDF erwarben die TV-Medienrechte für 56 der 64 WM-Spiele 2006 direkt von Infront. Die TV-Rechte der restlichen acht Begegnungen gingen an RTL.

Havelange hatte in seiner 24-jährigen Zeit als FIFA- Präsident einen kompletten Umbruch herbeigeführt, trat aber 1988 aus Altersgründen (82 Jahre) zur Wiederwahl als FIFA-Präsident an. Seine 24-jährige Amtszeit fasste er wie folgt zusammen: „Als ich kam, fand ich ein altes Haus und 20 Dollar in der Kasse. Als ich 24 Jahre später ging, hinterließ ich Eigentum und Verträge im Wert von vier Milliarden Dollar“. So sein Originalkommentar. Er blieb der FIFA bis 2013 als Ehrenpräsident eng verbunden. Sein langjähriger Generalsekretär Sepp Blatter wurde beim FIFA- Kongress 1998 einstimmig zu seinem Nachfolger gewählt und „vollendete die Globalisierung des Fußballsports“. Blatter setzte dabei auch durch, dass die Amtszeit eines FIFA-Präsidenten zukünftig nach maximal drei Wahlperioden je vier Jahre endet.

Zwischen der FIFA und Infront tauchten nach der WM 2006 Unstimmigkeiten auf. Blatter entschied daher, die Vermarktung aller FIFA-Rechte zukünftig in Eigenregie vorzunehmen. Die TV-Rechte der WM 2010 für Deutschland kauften die ARD und das ZDF direkt von der FIFA. Die Rechte für alle anderen europäischen Länder ersteigerte sich die EBU (Vereinigung aller europäischen, öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten) ebenfalls direkt von der FIFA. Infront wurde bei der Rechtevergabe der FIFA für die WM 2010 nicht berücksichtigt. Sie beteiligte sich jedoch mit 50% an der englischen Agentur „Football Media Services“, einem Joint-Venture mit Dentsu, einer 1901 in Tokio gegründeten, heute global aufgestellter Agentur für Marketing-, Medien- und Transformationsdienstleistungen. Diese englische Agentur hatte von der FIFA ein Medienrechtepaket für ausgewählte asiatische Ländern gekauft und profitierte mit Infront als Partner von deren Expertise. Infront erwarb zudem 5% Anteile an einer Firma, die von der FIFA die weltweite Vermarktung der VIP-Arrangements und Hospitality-Pakete gekauft hatte.

Bei der WM 2014 und der WM 2018 wurde Infront von der FIFA über ihre dazu eigens gegründete 100%ige-Tochtergesellschaft, „Host Broadcasting Services“ (HBS) wieder berücksichtigt. HBS bekam die komplette Produktion des weltweiten Basissignals (Bild und Ton aus den Stadien) für diese beiden WM.

Unter Blatter entwickelte sich die FIFA zu einer wahren „Gelddruckmaschine“. Die Einnahmen der FIFA stiegen von ca. 2,3 Milliarden USD bei der WM 2002 über 3,2 Milliarden USD bei der WM 2006 und 3,7 Milliarden USD bei der WM 2010 sprunghaft auf 5,7 Milliarden USD bei der WM 2014. Auch bei der WM 2018 steigerte sie ihre Einnahmen auf 6,4 Milliarden USD.  Da die FIFA erstmals 2016 einen Jahres -und Finanzbericht veröffentlichte, liegen zu den Ausgaben und dem Gewinn der FIFA bis dahin keine überprüfbaren Zahlen vor. 

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der ersten Bilanz war Blatter nicht mehr FIFA-Präsident.

Im Zuge jahrelange Ermittlungen der Schweizer Staatsanwaltschaft des Kanton Zürich wurde gerichtlich festgestellt, dass die ISL zwischen 1989 und 1999 insgesamt 138 Mio. Schweizer Franken an Schmiergelder an hochrangige Sportfunktionäre weltweit bezahlt hatte. Bei der 2012/2013 erfolgten Aktenöffnung kam zweifelsfrei ans Tageslicht, dass der ehemalige FIFA-Präsident Havelange und sein Schwiegersohn (der brasilianischer FIFA-Verbandschef) Millionen an Bestechungsgelder von der ISL erhalten hatten.

Der Verdacht der Korruption wurde danach auch gegen Blatter in den Medien thematisiert. 2015 nahm die Schweizer Staatsanwaltschaft auf Gesuch der US-Geheimdienstes FBI in einem Züricher Nobelhotel mehrere hochrangige FIFA-Funktionäre wegen des Verdachts auf massive Bestechung und Geldwäsche fest. Der dadurch unglaublich heftig gewordene öffentliche Druck veranlasste Blatter im Juni 2015, vier Tage nach seiner Wiederwahl als FIFA-Präsident, seinen Rücktritt anzukündigen. Er wollte seine Amtsgeschäfte aber so lange fortführen, bis ein neuer FIFA-Präsident gewählt war.  Zwei Monate später eröffnete die Schweizer Bundesanwaltschaft dann auch ein offizielles Strafverfahren gegen Blatter persönlich. Im Focus stand eine dubiose Zwei-Millionen-Franken-Zahlung der FIFA im Jahr 2011 an den damaligen UEFA-Chef Michel Platini. Platini und Blatter dementierten heftig. Auch Platini wurde - von der UEFA – gesperrt und legte sein Amt daraufhin vorübergehend bis zur Klärung des Sachverhalts nieder. Blatter wiederum wurde von der FIFA-Ethik-Kommission für acht Jahre gesperrt und verlor dadurch faktisch die Amtsgewalt, auch als kommissarischer FIFA-Präsident. Die UEFA stellte nun Gianini Infantino, damals Interims- Generaldirektor der UEFA, als Ersatzkandidat für Platini auf den Posten des FIFA-Präsidenten frei. Er war als „Zwischenlösung“ anstelle von Platini als neuer FIFA-Präsident geplant. Platini hatte sich nach der Rücktrittsankündigung von Blatter auf den Posten des FIFA-Präsidenten beworben. Infantino sagte zu, sich vom Amt des FIFA-Präsidenten wieder zurückzuziehen, sobald Platini zur Wahl als Blatters Nachfolger zugelassen war. Aus nicht bekanntgewordenen Gründen erweiterte die UEFA aber nun auch die Platini-Sperre auf acht Jahre. Der Weg für die Bewerbung von Infantino als neuer FIFA-Präsident war frei. Mit dessen Wahl zum FIFA-Präsidenten ging die Blatter-Ära bei der FIFA endgültig zu Ende. Sowohl Blatter als auch Platini wurden erst nach jahrelanger juristischer Aufarbeitung im Jahr 2025 mit einem rechtskräftigen Freispruch des Schweizer Bundesverwaltungsgericht voll rehabilitiert. Mit der Wahl von Infantino kehrte aber -bis heute- keine Ruhe bei der FIFA ein. Im Gegenteil. Wie die Vorkommnisse bei der WM 2022 in Katar und noch deutlicher die bei der diesjährige WM in den USA „eindrucksvoll“ belegen.

So viel für heute.

Mit dem nächsten Teil in der kommenden Woche schließe dann meine Kolumne ab.

Viele Grüße aus dem Schwarzwald

Bernhard

25.09.2026/Soe