2026 Pokalfinale 16
2026 Pokalfinale 13
2024 Bernhard
2025 Pokalfinale Fans Groß
2025 Pokalfinale Feld
Featured

Ist Jürgen Klopp der „Richtige“? Teil 3. Die sieben Erfolgstrainer

Jürgen Klinsmann (2004-2006). „Klinsi“ und „Flipper“ genannt

Die gesellschaftspolitische wirtschaftliche und sportliche Gesamtlage nach der Wiedervereinigung führte zu einer Neuordnung Europas, die 1992 mit dem Vertrag von Maastricht zu einer stufenweisen Wirtschafts- und Währungsunion in Europa begann und mit der Einführung des EURO am 1. Januar 1999 in zunächst elf Ländern als gesetzliche Buchwährung zum vorläufigen Abschluss kam. Mitten im Bürgerkrieg in Jugoslawien entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die Bundesrepublik ermächtigt sei, der Bundeswehr auch bewaffnete Auslandseinsatze zu gestatten, sofern diese zuvor vom Bundestag beschlossen werden.

In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre war der Systemwechsel und der Institutionstransfer mit den fünf neuen Bundesländern weitgehend abgeschlossen, hatte aber bei vielen Ostdeutschen einen „Transformations- und Einheitsschock ausgelöst“.  Die Haltung zur Demokratie blieb in den neuen Ländern skeptisch, was zu einer erheblichen Kluft zwischen der Einschätzung der persönlichen Lebenssituation und der Bewertung der allgemeinen Lage führte. Der Sachverständigenrat konstatierte nach der 1.- und 2. Ölkrise 1974/1975 bzw. 1980/1982 nach der dem Ende des Wiedervereinigungsbooms erneut eine Rezession.  Die internationale Wettbewerbsfähigkeit war durch die Wiedervereinigung deutlich verloren gegangen, die Staats-schulden stiegen wegen der immensen Kosten der Wiedervereinigung zwischen 1990 und 1998 von 44% des BIP auf 60,9%. Die schwarz-gelbe Regierung musste zudem zur Erfüllung des Maastricht-Kriteriums für den Einführung des EURO (max. 60% Schuldenquote) Sparmaß-nahmen ergreifen, die von der nachfolgenden rot-grünen Regierung unter Willy Brandt und seinem Wirtschaftsminister Hans Eichel mit dem sog. „Eichel-Plan“ zur Haushalts-konsolidierung fortgesetzt werden sollte. Die Erfüllung des Maastricht-Kriteriums gelang letztlich aber nur kurzzeitig. Durch die Versteigerung der UMTS-Mobilfunklizenzen im Jahr 2000 flossen dem Bund einmalig rd. 50 Milliarden EURO zu, die, gesetzlich zwingend, zum Schulden-abbau auf dann noch 59,1% des BIP (1991) führte. Die Verschuldung stieg allerdings als Folge des Platzens der Dotcom- Blase im Jahr 2000/2001 wieder kräftig an, als dadurch in den USA die Aktienkurse vor allem der Technologiefirmen massiv einbrachen. Die daraus folgende an-haltende, weltweite Wirtschaftskrise bewirkte einen heftigen Anstieg der Arbeitslosigkeit und führte zu einer stetig steigenden Neuverschuldung des Staates. Durch die Marktöffnung in Osteuropa und den Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) Ende 2001 eröffneten sich auch für Deutschland riesige Märkte, mit allerdings vergleichsweise niedrigen Lohnkosten. Viele arbeitsintensive Produktionen wurden daraufhin ins Ausland verlagert. Die Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften dagegen stieg sprunghaft, die für gewerbliche Arbeit-nehmer fiel dramatisch. Allerdings blieben die Lohnforderungen der Gewerkschaften aber hoch. Deutschland wurde als der „Kranke Mann Europas“ eingestuft, wegen hoher Lohn- und Lohn-nebenkosten für die soziale Sicherung und die starren Arbeitsmarktstrukturen. Nun waren fünf Millionen Arbeitslose registriert. Die „Gute-Laune-Stimmung“ in der Bevölkerung war verflogen. Bundeskanzler Gerhard Schöder und sein Regierungspartner Bündnis90/die Grünen initiierten 2003 die Arbeitsmarktreform der Agenda 2010. Die Inflation fraß die Lohnsteigerungen auf, die Hartz-Reformen bewirkten eine starke Ausweitung des Niedriglohnsektors, den Anstieg von Zeitarbeit, Teilzeitarbeit und Minijobs.  Dies führte dazu, dass die rot-grüne Koalition 2005 abgewählt wurde. Angela Merkel, die neue Kanzlerin, führte mit der SPD eine große Koalition. Die Terroranschläge vom 11. September 2001führte zu einer Beteiligung der Bundeswehr am Krieg der USA in Afghanistan zur Folge hatten und lösten eine hitzige Debatte um den Irak-Krieg der USA aus. Die Ankündigung von Gerhard Schröder, tiefgreifende Eingriffe in das Sozialsystem durchzuführen hatten auch wesentlich dazu beigetragen, dass sich in der Bevölkerung erneute Friedens- und Zukunftsangst entwickelte. Das Vertrauen in den Sozialstaat sank auf den Tiefpunkt und es kam zu den größten Massenprotesten seit Jahrzehnten (Montags-demonstrationen).

Auch der Fußball der deutschen Nationalmannschaft war in dieser Zeit kein Stimmungs-aufheller für die Gesellschaft. Im Gegenteil. Dem WM-Aus 1998 folgte zwar eine Ablösung von Berti Vogts als Bundestrainer, aber unter Erich Ribbeck wurden die Leistungen der National-mannschaft nicht besser. Der Rumpelfußball blieb bestehen, die schweren Ausschreitungen nach dem WM-Spiel 1998 gegen Jugoslawien lösten zudem eine heftige gesellschaftliche Debatte über Gewalt im Fußball aus, die die Spaltung der Gesellschaft eher noch verstärkte und die Stimmung im Land zusätzlich belasteten.   

Dabei hatte Ribbeck, als Fußballer nicht besonders erfolgreich (der Sprung in den Kader eines Bundesligaclubs blieb ihm verwehrt), eine große Karriere als Vereinstrainer vorzuweisen. Er trainierte zahlreiche Top-Bundesligaclubs erfolgreich und war als Assistent von Derwall auch am Gewinn der Europameisterschaft 1980 und der Vizeweltmeisterschaft 1982 beteiligt. Mit 61 Jahren war der älteste Teamchef der Nationalmannschaft. Er stand immer „pickefein“ bekleidet an der Seitenline, was ihm in den Medien den Beinamen „Sir Erich“ einbrachte. Die zwei Jahre als Bundestrainer waren die schwierigsten in seiner langen Trainerlaufbahn. Mit ihm schied die Mannschaft bei der EM 2000 mit nur einem Punkt in der Vorrunde sang- und klanglos aus. Nach der dritten Niederlage in der Gruppenphase gegen Portugal meinte Oliver Kahn damals: „Es ist eine Schande, was wir Deutschland angetan haben“. Ribbeck hatte wieder mit dem klassischen Libero spielen lassen, Matthäus hatte diesen Part zu übernehmen. Wegen des immer noch beibehaltenen, veralteten Spielsystems soll es schon vor und während der EM 2000 team-interne Spannungen gegeben haben. Ribbeck trat nach nicht mal zwei Jahren im Amt zurück: „Das (Erreichen des Viertelfinales) ist nicht gelungen, also bin ich gescheitert“.

Auf ihn folgte Rudi Völler. Er sollte die Aufgabe ursprünglich nur für eine einjährige Übergangs- frist neben seinem eigentlichen Job als Sportdirektor bei Bayer Leverkusen übernehmen. „BILD“ titulierte: „Tante Käthe heißt die neue Chef(in) der Nationalmannschaft“.  Er genoss in der Mannschaft enormen Respekt und großes Vertrauen und wurde auch wegen seiner Nahbarkeit und Ehrlichkeit als „Tante Käthe“ von den Medien förmlich gefeiert. Eigentlich war Christoph Daum auserkoren, Ribbeck nach Auslaufen seines Vertrags bei Bayer Leverkusen als neuer Bundestrainer zu beerben. Dazu kam es aber nicht, wegen seines nachgewiesenem Kokain-konsums. Daraufhin trat Völler trat als Sportdirektor bei Bayer Leverkusen zurück und übernahm das Amt als Teamchef der Nationalmannschaft nun als Vollzeitjob. Völler gelang es, die Mannschaft vorbehaltlos um sich zu scharen, behielt aber Taktik und Spielsystem, so wie Vogts den Spielern „eingeimpft“ hatte, bei. Damit gelang ihm nicht nur die Qualifikation zur WM 2002 in Südkorea und Japan, sondern auch der Einzug ins WM-Finale. Die DFB-Elf (damals auf Platz 4 auf der FIFA-Rangliste geführt) war als krasser Außenseiter angereist, hatte aber (wieder einmal) eine glückliche Auslosung bei einer Weltmeisterschaft erwischt. In der Gruppenphase hießen die Gegner: Saudi-Arabien (Platz 37 FIFA-Rangliste), gegen das ein 8:0-Kantersieg gelang, Irland (Rang 14), gegen das es zu einem 1:1 reichte und zum Schluss Kamerun (Rang15), das mit 2:0 besiegt wurde. In der Finalrunde endeten die drei Spiele gegen Paraguay (Rang 16), die USA (Rang 8) und Südkorea (Rang 21) mit 1:0-Siegen. Vor allem das Spiel gegen Kamerun charakterisierte die Leistung und Spielweise treffend.  In der Presse waren dazu Stimmen zu lesen wie: „Deutschland weiter mit wenig Fußball und vielen Tritten“, „Karten-Weltrekord“ oder Die Panzer überfuhren Kamerun in einem rekordverdächtigen Kartenspiel. Deutschland hat in einer leichten Gruppe seine Chancen gut genutzt“.  

Der Gegner im Endspiel hieß Brasilien, vierfacher Fußballweltmeister. Die deutsche Mannschaft zeigte ihr bestes Spiel der WM-Endrunde, zwar weiterhin ohne spielerischen Glanz, aber glänzte mit mannschaftlicher Geschlossenheit, Einsatz und Kampfgeist. In der ersten Halbzeit hatte die deutsche Mannschaft die drei großen „R’s“ -Ronaldo, Ronaldinio und Rivaldo- weitgehend „im Griff“, aber auch viel Glück. Ronaldo schob einen Ball, freistehend vor Kahn, am Tor vorbei und rettete gegen Ronaldo mit einer Glanzparade. Ein Weitschuss der Brasilianer landete an der Latte. Nach der Pause vergab zunächst Oliver Neuville zwei Großchancen und dann führten zwei kapitale Fehler zum Sieg der Brasilianer. Zunächst ließ Kahn einen Schuss von Rivaldo aus 20 Metern nach vorne abprallen und Ronaldo stand richtig: 1:0 für Brasilien. Der nach dem 1:0 eingewechselte Asamoah kam gegen Ronaldo einen Schritt zu spät und der fackelte nicht lange und schoss zum 2:0 Endstand ein. „Es war der Sieg der brasilianischen Schule, der Schule der Technik, des Talents und der Kreativität über die Schule der steifen Hüfte, des Kampfes mit dem Ball und der physischen Kraft, ohne Zweifel die Schule des Mannschaftsspiels, aber ohne eine einzige Spur von Begabung“. So lautete eine der vielen brasilianischen Pressestimmen.

Kahn wurde trotzdem für sein überragendes Torwartspiel zum besten Spieler des Turniers gewählt- als der bisher einzige Torwart in der langen FIFA-Geschichte- und von der Presse mit dem Titel „Titan“ bedacht. „BILD“ titulierte: „Kahn unser tragischer Held“. Das EM-Desaster 2000 war vergessen, die „WM-Helden“ wurden bei ihrer Rückkehr begeistert gefeiert. Beim Empfang am Römer in Frankfurt wurde auch der schon während der WM 2002 im Radio ständig gespielte Hit vom Duo Klaus & Klaus „Es gibt nur ein‘ Rudi Völler“ abgespielt.                                                                                                                                                              

Völler vertraute nach der EM 2002 weiterhin auf etablierte Leistungsträger wie Kahn, Ballack oder Klose, wollte aber nun einen attraktiveren Fußball spielen lassen. Einige Spieler beendeten ihre Karriere in der Nationalmannschaft und neue Namen tauchten auf. Andresa Hinkel, Kevin Kuranyi oder Arne Friedrich.  Die geplante Neuausrichtung verlief sehr holprig, mit einigen enttäuschenden Spielen „gegen vermeintlich schwächere Mannschaften“. Die Euphorie der WM 2002 war wie weggeblasen, der Hype um Völler verblasste und die Kritik in den Medien und von TV-Experten setzte vehement ein. Günter Netzer wurde damals TV-Experte und entwickelte sich in der Umbauphase der Nationalmannschaft an der Seite des ARD-Moderators Delling zum neuen „Chef- Kritiker“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Nach dem peinlichen Auftritt im Qualifikationsspiel für die EM 2004 in Island lagen bereits wieder die Nerven blank, bei allen Beteiligten. Netzer wertete das 0:0 gegen Island als “Tiefpunkt“ und kritisierte, warum die Spieler nach so einem Spiel nicht “einfach sagen, das war ein schöner Mist, was wir da gespielt haben“.  Völler stand im ARD-Studio in Reykjavík bei Waldemar Hartmann live vor Ort Rede und Antwort und konterte Netzers Bemerkung höchst emotional: „Immer diese Geschichte mit dem Tief-Punkt und noch mal nen niedrigeren Tiefpunkt. Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören“. Um dann in einem Rundschlag auch Hartmann zu kritisieren: „Du sitzt hier locker bequem auf deinem Stuhl, hast drei Weizenbier getrunken…“. Völler führte die Mannschaft trotz der anhaltend gereizten Stimmung nach diesem „TV-Auftritt“ erfolgreich durch die Qualifikation zur EM 2004 in Portugal. Nach dem dortigen Vorrunden-Aus nach einem 1:1 gegen die Niederlande (Torschütze: Torsten Frings), dem tor- und trostlosen Spiel gegen Lettland und einer 1:2 Niederlage (Tor durch Michael Ballack) trat er unmittelbar als Teamchef zurück.  Völler kommentierte das frühe Scheitern: „Das ist zu wenig“ und weiter: „Man muss sich dann auch mal an die eigene Mütze fassen. Egoismus ist ein falscher Freund“. DER SPIEGEL titulierte: „Rudis riesiger Abgang“. Im Anschluss kehrte Völler für 26 Tage, nun als Trainer, zum AS Rom zurück, wo er zwischen 1987 und 1992 fünf Jahre gespielt und in 142 Serie A-Spielen 45 Tore erzielt hatte. Die sportlichen Probleme des AS Rom hielten aber auch unter ihm weiter an. Er trat schnell wieder zurück, nahm das Angebot von Bayer Leverkusen an, erneut Sportdirektor zu werden und blieb dort bis 2022, davon fünf Jahre als Geschäftsführer Sport. Anschließend wechselte er ins Kontroll- und Beratungsgremium der Bayer-Fußball GmbH. Ein Jahrspäter schied er dort aus, um die Verantwortung als DFB-Sportdirektor für die A-National-mannschaft zu übernehmen

Auf Rudi Völler folgte Jürgen Klinsmann, ebenfalls als Teamchef der Nationalmannschaft. Beim DFB stand er zu Beginn der Sondierungen für einen geeigneten Nachfolgern für Völler nicht auf der „Shortlist“. Ein Besuch von Berti Vogts in Klinsmanns Wahlheimat Kalifornien anlässlich einer Campingreise durch die USA brachte den Stein ins Rollen.  Klinsmann war „im Rennen“ und bekam den Job, gerade mal 39 Jahre jung. Als Vertragsdauer wurden zwei Jahre vereinbart. Eine vom DFB angebotene Option über die WM 2006 hinaus, lehnte Klinsmann ab. Bei seinem ersten Interview überraschte er mit zwei Ankündigungen“: „Mein Ziel ist es, dass wir 2006 Weltmeister werden“ und dass der DFB dringend eine Struktur-Reform benötige. „Da muss mindestens ein 10-Jahresplan entwickelt werden“.  Das Medienecho war enorm. Vom „radikalen Bruch nach dem Rücktritt von Völler“ war die Rede, aber es herrschte auch große Skepsis wegen seiner fehlenden Qualifikation als Trainer. Als erster Kritiker meldete sich „Sport Bild-Kolumnist“ Lothar Matthäus zu Wort:  “Wenn er von einem Zehnjahres-Plan redet, sucht Klinsmann jetzt schon eine Ausrede … Dann kann man nach der Pleite im Jahr 2006 sagen: ich habe doch gleich gesagt, es geht nicht so schnell“.  Matthäus legte drei Tage später nach: „Klinsmann hat auch gesagt, er wolle lernen. Er muss lernen, und zwar sehr viel und sehr schnell. Obgleich ich erhebliche Probleme damit habe, dass ausgerechnet die Nationalmannschaft als Lehrstätte für Bundestrainer-Azubis dienen soll“.   Der „Urkonflikt“ mit Matthäus und damit auch automatisch mit den Machern der „BILD“ ging auf das Jahr 1996 zurück. Damals stand Klinsmann noch gemeinsam mit Matthäus in der Nationalmannschaft. „BILD“ berichtete damals über Interna von Kabinengespräche der Nationalmannschaft. Als „Urheber“ konnte nachweislich Lothar Matthäus identifiziert werden. Das Klima im Kader war damals vergiftet. Daraufhin hatte Klinsmann zusammen mit Sammer und Helmer den damaligen Bundestrainer Vogts gebeten, Matthäus aus der Nationalmannschaft zu werfen. Vogts gab daraufhin gemeinsam mit dem DFB-Präsidenten Braun den Verzicht des damals 35-jährigen Rekordnationalspielers für die EM 1996 bekannt. Diese Sache „schlummerte“, bis Klinsmann Bundestrainer wurde.

Klinsmann sah sich nicht nur als Coach, sondern auch als Projektleiter für die Heim-WM 2006 und „wollte jeden Stein umdrehen“,wie der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer- Vorfelder (2001- 2004) als Nachfolger von Braun alleiniger Präsident und 2004 – 2006 als Doppelspitze mit Theo Zwanziger) in einem Interview sagte.

Klinsmann ließ sich in seinem Arbeitsvertrag mit dem DFB weitreichende Kompetenzen zusichern. Dazu gehörte

-die alleinige Richtlinienkompetenz im sportlichen Bereich, wodurch alle DFB-Gremien und Funktionäre, auch Mayer-Vorfelder und Zwanziger in sportlichen Entscheidungen nicht mehr (mit-) entscheiden konnten

-die Eigenständigkeit bei der Auswahl des Betreuerstabs. Joachim Löw installierte er als Co-Trainer (der im Besitz der höchsten Trainerlizenz war), Oliver Bierhoff übertrug er die Funktion des (neu eingeführten) Nationalmannschafts-Managers und engagierte ein (US-amerikanisches) Athletiktrainer-Team um Mark Verstegen, der seit 1992 Fitness-programme für American Football, Basketball, Fußball und Golf in den USA entwickelt hatte sowie

- die Verpflichtung von Experten außerhalb des Fußballs. Dazu gehörte vor allem ein US-   amerikanischer Sportpsychologe.

Klinsmann hatte dem DFB auch die Zuständigkeit für eine Reform der Ausbildung und der Spiel-philosophie abgerungen. „Agieren statt reagieren“ war die neue, offensive Spielphilosophie über alle U-Nationalmannschaften des DFB hinweg.

Mayer-Vorfelder ging nicht davon aus, dass es mit Klinsmann eine reibungslose Zusammen-arbeit geben wird: „Ich weiß, dass es nicht immer einfach sein wird, mit ihm klarzukommen. Er kann ein ganz schöner Sturkopf sein“.  Aber sie kamen doch miteinander klar.

Klinsmann erstellte Trainingspläne und Ernährungspläne und leitete die Ablösung von Kahn als den bisherigen Stammtorwart ein. Kahn verlor zunächst das Amt des Kapitäns, das Klinsmann an Michael Ballack übertrug und eröffnete den Konkurrenzkampf mit Jens Lehmann um die zukünftige Nummer 1 im Tor der Nationalmannschaft. Neben Spielern wie Miroslav Klose, Philipp Lahm, Lukas Podolski, Sebastian Schweinsteiger, Kevin Kurany, Sebastian Kehl, Arne Friedrich, Andreas Hinkel, Gerald Asamoah, die bereits unter Völler ihr Debüt in der Nationalelf gegeben hatten, testete Klinsmann zahlreiche neue und junge Spieler. Und er führte auch ein, dass in Zukunft nur noch Spieler in den Kader berufen werden, die in ihren Vereinen regelmäßig Spielpraxis gesammelt hatten Das von ihm eingeführte schnelle und offensive Umschaltspiel sollte nicht starr umgesetzt werden. Er überließ es den Spielern teilweise selbst, die taktische Ausrichtung situationsbedingt zu wählen oder anzupassen. Selbstverständlich kommentierte „BILD“ Klinsmanns Spielphilosophie unmittelbar: „Schluss mit Experimenten. Richtig: Klinsi hat in seiner Amtszeit (nach einem Jahr) 11 Neulinge geholt. War bitter nötig nach dem EM-Desaster 2004. Doch in der WM-Saison muss die Zeit der Experimente vorbei sein“.

 Auf dem Weg zur WM 2006 hat die Nationalmannschaft unter Klinsmann 27 Spiele absolviert: Zwölf Freundschaftsspiele, zehn offizielle Länderspiele und 2005 fünf Spiele beim FIFA- „Conferderations Cup“ (Confed Cup). Der Confed Cup wurde 2001 aus dem vom damals amtierenden saudi-arabischen König initiierten König-Fahd-Pokal, der erstmals 1992 mit vier Nationalmannschaften aus vier Kontinenten und im Rhythmus von drei Jahren stattfand, von der FIFA aus der Taufe gehoben. Der König-Fahd-Pokal wurde letztmals 2001 ausgespielt. Als Gastgeber hatte der König Südkorea festgelegt, das zusammen mit Japan von der FIFA auch den Zuschlag für die Ausrichtung der FIFA-WM 2002 bekommen hatte. Daraus entstand bei der FIFA das Konzept, den König-Fahd-Pokal zukünftig mit den Nationalmannschaften ihrer sechs Kontinentalverbände auszuspielen, die das kontinentale Turnier der jeweiligen Konföderation gewonnen hatten.  Startberechtigt war auch die Nationalmannschaft des amtierenden Welt-meisters sowie die des Gastgeberlandes des neu gegründeten FIFA- Confed Cups. Der Confed Cup sollte zukünftig als Vorbereitungsturnier für die jeweiligen Gastgeberländer einer FIFA-WM dienen. Der Confed Cup 2021 wurde an Katar, dem Gastgeberland der WM 2022, vergeben. Dies hätte bedeutet, den Confed Cup in der heißesten Jahreszeit in Katar auszutragen. Zunächst erwog die FIFA deshalb, den Confed Cup in ein anderes Land zu verlegen. Dann beschloss die FIFA aber 2019, den Confed Cup abzuschaffen und dafür die „FIFA -Klub- Weltmeisterschaft“, die bis dato im Jahresrhythmus und mit sieben Klubmannschaften (die sechs FIFA-Kontinental-meister und der des Gastgeberlandes) ausgetragen wurde, auf nun 32 Vereinsmannschaften zu erweitern und alle vier Jahre als Vorbereitungsturnier der FIFA-WM zu veranstalten. Diese Idee stammte von dem bereits damals amtierenden FIFA-Präsidenten Infantino. Der FIFA-Präsident Infantino hatte eine weitere Gelddruckmaschine für den Verband eingeführt. Exakte Gewinn-zahlen der alle vier Jahre im Vorjahr der FIFA-WM ausgetragenen Klub-WM veröffentlicht die FIFA nicht separat. Sie hatte aber im Vorfeld der FIFA- Klub-WM 2025 ein Gesamtpreisgeld in Höhe von 1.000 Mio. USD für die 32 teilnehmenden Vereinsmannschaften angekündigt, versprach dem Gewinner der Klub-WM 2025 (FC Chelsea) ein Preisgeld von 125 Mio. USD und das Ziel, 250 Mio. USD für ein Solidaritätsmodell für den Vereinsfußball rund um den Globus einzurichten.     

Gegen Österreich feierte die die Nationalmannschaft unter Klinsmann mit 4:1 einen gelungenen Einstand. Das zweite Spiel gegen Brasilien in Berlin bereitete Klinsmann erstmals mit US-Fitnesstrainern vor. In der „BILD“ wurden diese Methoden als „amerikanische Spielereien“ in Frage gestellt: „Nationalelf trainiert Gummitwist-Spielen wir jetzt besser Fußball?“  Nach dem 1:1 gegen den amtierenden Weltmeister Brasilien war die Presse von dem engagierten und körperlich fitten Auftreten der Mannschaft angetan. Die Neue Züricher Zeitung (NZZ) wollte gar „einen neuen Geist mit Klinsmann“ gesehen haben. Auch die Frankfurter Rundschau war voll des Lobes und kommentierte den bei dieser Begegnung immer wieder aufbrandenden Beifall mit „oh Wunder, für die Spieler der deutschen Nationalmannschaft“.

Die US-Fitnesstrainer gehörten von nun an zum festen Betreuerstab. Vor dem dritten Spiel unter Klinsmann kam es zum Bruch mit Sepp Maier, der als Torwarttrainer beim FC Bayern München, Kahns Verein, im „Nebenjob auch das Torwarttraining der Nationalmannschaft leitete. Für das Spiel in Teheran gegen den Iran hatte Klinsmann geplant, Jens Lehmann, der damals bei Arsenal London im Tor überragende Leistungen ablieferte, an Stelle von Kahn ins Tor der National-mannschaft zu stellen. Maier reagierte in den Medien spöttisch: „Er kann sich aufhängen, er wird nie die Nummer 1“. Klinsmann, der von seinem Betreuerstab bereits bei Amtsantritt absolute Loyalität und Unparteilichkeit gefordert hatte, warf Maier mangelnde Neutralität vor, weshalb die Zusammenarbeit mit Maier einen Tag nach dem Spiel gegen den Iran beendet wurde.  Maiers Nachfolger wurde Andreas Köpcke, der die Position des Torwarttrainers der Nationalmannschaft 17 Jahre ausübte und nach der EM 2021 zurücktrat. Bei dem Benefizspiel gegen den Iran, vor 110.000 Zuschauern zugunsten der Opfer eines verheerenden Erdbebens im Iran, feierte Per Mertesacker seinen Einstand im Nationaltrikot. Thomas Hitzlsperger stand ebenfalls erstmals im Kader, kam jedoch nicht zum Einsatz. Deutschland gewann das Spiel mit 2:0, Kevin Kurany leistete die Vorarbeit zum 1:0.   

Vor einer Asien-Reise im Dezember 2004 engagierte Klinsmann zusätzlich einen Sport-Psychologen.  Dies löste (natürlich) Ironie und Spott in der Boulevardmedien sowie bei den damals noch die Fußballszene dominierenden Traditionalisten von Trainern und Kommentatoren aus. Zumal der Psychologe auch noch einen Professor-Titel trug.  Die Traditionalisten interpretierten einen Psychologen im Fußball damals als Zeichen mentaler Schwäche.  Abwertende Begriffe wie „Seelendoktor“ oder Couch für die Profis“ machten schnell die Runde. Felix Magath, damals Cheftrainer beim FC Bayern München urteilte kurz und knackig „das bringe nichts“.  Klinsmann ließ sich aber nicht beirren. Auch nicht nach der ersten Niederlage im sechsten Spiel seiner Amtszeit, dem 1:3 gegen Südkorea in Busan. Die Medien reagierten ernüchtert, vor allem wegen den Schwächen in der Defensive sahen aber auch gewisses Verständnis, die sie mit der Müdigkeit der Mannschaft am Ende des Jahres und den Reise-strapazen begründeten. Kahn stand wieder im Tor, in der Verteidigung spielten mit Andreas Hinkel, Arne Friedrich, Christian Wörns und Philipp Lahm nur junge Spieler. Die Abwehr war gegen die schnellen Koreaner schlicht überfordert. Einzig Michael Ballack war ein Aktivposten, der das 1:1 besorgte, aber beim 1:2 einen Foulelfmeter vergab. Im Gegenzug verursachte Kahn einen Elfmeter für die Koreaner, den er zwar parierte, aber beim Nachschuss ohne Chance war. Kahn wurde auch das Gegentor zum 1:3 angekreidet, weil er zu weit vor seinem Tor stand.

Klinsmann verfolgte seine Ideen weiterhin kompromisslos und holte im Mai 2005 im Hinblick auf die Vorbereitung der WM 2006 auch noch Urs Siegenthaler aus der Schweiz als Chefscout und taktischen Berater in sein Team. Unter dessen Leitung wurden kommende Gegner förmlich ausspioniert, deren Taktik, Laufwege sowie Stärken und Schwächen im Detail studiert und ausgewertet. Sportstudententeam der Sporthochschule Köln entwickelten mit Urs Siegenthaler datengestützte Methoden der Spielanalyse potenzieller WM-Gegnern. Siegenthaler beriet Klinsmann und dessen Co-Trainer Joachim Löw auch darin, die eigene Spieltaktik anhand der Gegneranalysen für jeden Gegner zu optimieren. Die Arbeit von Urs Siegenthaler sollte sich auszahlen. Er blieb auch unter Löw als Nachfolger von Klinsmann dessen taktischer Berater und Chefanalytiker (bis zum Ausscheiden von Löw als Bundestrainer 2021).

Der Confed Cup 2005 in Deutschland sollte als Standortbestimmung dienen. Neben Deutschland als Gastgeber nahmen Brasilien (Weltmeister 2002), Argentinien (Copa-America-Zweiter 2003 hinter Brasilien), Mexico (CONCAFA- Gold-Cup-Sieger 2003), Tunesien (Afrika-Meister 2003), Griechenland (mit Otto Rehhagen Europameister 2004), Japan (Asienmeister 2004) und Australien (Ozeanienmeister 2004) teil. In der Gruppenphase gewann Deutschland gegen Australien (4:3) und Tunesien (3:0) und trennte sich von Argentinien mit 2:2. In der K.o.-Phase unterlag man als Gruppensieger (punktgleich mit Argentinien) gegen Brasilien, Sieger der anderen Gruppe, mit 2:3. Tore von Podolski zum zwischenzeitlichen 1:1 und Ballack mit Elfmeter zum 2:2 vor der Pause, reichten nicht zum Sieg.  Die deutsche Mannschaft hatte in der Hitze-schlacht nichts mehr zuzusetzen und kassierte durch den Torschützenkönig und zum besten Spieler des Confed Cup 2005 gewählten Adriano den dritten Treffer.  Das Spiel um Platz drei gewann Deutschland gegen Mexiko mit 4:3 n.V. durch Tore von Podolski und Schweinsteiger vor der Pause zum 2:1 und durch Huth zum 3:3 in der 2.Halbzeit, ehe Ballack in der 97. Minute das entscheidende Tor gelang. Der südamerikanische Fußball dominierte. Im Endspiel standen sich „Samba gegen Tango“ gegenüber, die südamerikanischen Dauerrivalen im Fußball, Brasilien und Argentinien. Das Duell gewann Brasilien. Mit 4:1 wurde im Frankfurter Waldstadion Argentinien nahezu gedemütigt. „Ein galaktisches Brasilien mit den beiden herausragenden Offensivspielern Ronaldinho und Adriano dominierte die Gauchos ab der ersten Minute. Welch ein Tempo, was für eine Technik, war für eine Präzision“. Diese beiden Brasilianer hatten auch das Halbfinalspiel gegen Deutschland mit zwei der drei Tore entschieden.

Im Ausland wurde Deutschland als Organisator und Ausrichter des Confed Cups 2005 überschwänglich gelobt. Die „heimlichen Stars“ waren demnach die Stadien, alle Spiele waren ausverkauft, die Stimmung war überall hervorragend. Die neuen „reinen Fußballstadien“ von Hannover, Frankfurt, Leipzig und Köln wurden als „Stimmungstempel par excellence“ eingestuft. „575.000 Menschen lebten ihre Träume- die Spiele und die Stadien“, war zu lesen. Der damals amtierende FIFA-Präsident Blatter lobte in höchsten Tönen: „Der Konföderations-Cup wurde früher wie ein Stiefkind betrachtet. Hier in Deutschland ist er hoffähig geworden“.

Abstriche- auch im Hinblick auf die WM 2006- wurden lediglich bei der Bewertung der Ver-pflegung gemacht. Aber, so in der Presse „da können die Organisatoren nicht viel ändern. FIFA-Sponsoren sind die Amis. Die Produkte von Anheuser Busch (Bier), McDonalds und Coca-Cola sind nicht jedermanns Sache. Vor allem nicht, wenn es fast nichts anderes zu konsumieren gibt. Wegen der Exklusivverträge der FIFA. Also nix mit Weißbier und Weißwurst.- Die Fans werden rebellieren“.

Die extrem anfällige Defensive der deutschen Mannschaft stand im Mittelpunkt der nach dem Turnier aufgekommenen Diskussion. In fünf Spielen wurden 11 Gegentore kassiert. Die Offensive mit 15 Toren überragte dagegen. Die Kritiker bemängelten ein „taktisches Ungleich-gewicht“, das durch den von Klinsmann geforderten „Hochgeschwindigkeits- und Angriffs-fußball“ entstand. Die damals mit gerade 20 Jahren sehr jungen Abwehrspieler Robert Huth und Per Mertesacker standen unter medialem Dauerbeschuss. Sie wurden als „zu langsam, hölzern und bei Standardsituationen anfällig“ beschrieben. Dadurch sei es zu einer „sträflichen Vernachlässigung“ der Defensive gekommen. Kahns Nerven lagen blank. Nicht nur wegen des ständigen „Rotationsduell mit Lehmann“, sondern durch das Abwehrverhalten, das ihn zeitweise „zur Weißglut“ getrieben hätte, sagte er. Sein Fazit war, „dass man so kein großes Turnier gewinnen könne“.  

Klinsmann bilanzierte dagegen, dass wohl noch nie eine deutsche Nationalmannschaft mit Standing Ovation nach einer Niederlage (im Halbfinale gegen Brasilien) verabschiedet worden sei. Beckenbauer, Organisationschef der WM 2006, pflichtete ihm bei: “Man kann der Mannschaft überhaupt keinen Vorwurf machen“. Sie war mit einem Durchschnittsalter von 24,7 Jahren die Jüngste aller Teilnehmer.  Klinsmann legte den Fokus auf das Positive („Sieger der Herzen“), stellte den Lerneffekt der Spieler in den Vordergrund und schloss sich seinem Kapitän Ballack an, man spiele nun „auf Augenhöhe mit den ganz Großen“. Klinsmann verteidigte sein Konzept des schnellen Angriffsfußballs und erklärte Fehler zu „wichtigen Erkenntnissen“ auf dem Weg zur Heim-WM 2006. Einigen Journalisten missfiel aber, dass er kritische Fragen oft mit seinem typischen Lächeln abmoderierte.

Der Start in die Vorbereitungsphase der WM 2006 misslang. Nachdem der Nationalmannschaft Ende August und Anfang September 2005 in den beiden Vorbereitungsspielen gegen die Niederlande in einem schwachen Spiel nur ein 2:2-Unentschieden gelang und beim EM-Qualifikationsspiel gegen die Slowakei mit 0:2 eine Pleite erlitt, schrillten in der Presse wieder die Alarmglocken.  Außerdem gelang es nicht, 500 gewaltbereite Hooligans an der slowakischen Grenze zurückzuhalten. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen mit der slowakischen Polizei, wofür sich der DFB-Präsident Mayer- Vorfelder bei den Gastgebern förmlich entschuldigte.

DER KICKER sah die Leistung in Bratislava als „Tiefpunkt auf dem Weg zur Heimwelt-meisterschaft“.

Danach wurde ein Krisengipfel der Liga-Vertreter mit Klinsmann und Löw sowie Bierhoff als DFB-Teammanager vereinbart. Die zu vielen schlechten Auftritte der Nationalmannschaft hatten fast alle Vereinsvertreter der Bundesliga zu einer heftigen Kritik „am Treiben des Bundestrainers und der Arbeitsweise bei der Nationalmannschaft“ veranlasst und sie bemängelten die entstandene Kluft mit dem Trainerstab der Nationalmannschaft. Klinsmann hatte einleitend den Teilnehmern mit einer Power-Point-Präsentation seine Ideen und Pläne erläutert. Diese überzeugte die meisten der 17 Teilnehmer, weniger aber wohl Uli Hoeneß. Es wurde berichtet, dass diese Art der Präsentation Hoeneß „eher als Provokation erschien“. Er war damals kein Freund der modernen Management- und Kommunikationsmittel und lehnte, so wurde ihm nachgesagt, „Verkehr via E-Mail aus ideologischen Gründen“ ab. Uli Hoeneß, der (natürlich) der Wortführer der Ligavertreter war, kritisierte – „im Namen der Bundesliga“- die systematische Rotation der Torhüter Kahn und Lehmann, die mangelnde Struktur der Nationalmannschaft, die gestörte Kommunikation zwischen der Liga und DFB-Teamleitung und die regelmäßige, wochenlange Abwesenheit von Klinsmann.  Nach dem Treffen bezeichnete Klinsmann diesen Start in den Krisengipfel als „wirklich sehr lebhaft“. Rummenigge titulierte ihn als „sehr aufregend“, während Mayer-Vorfelder meinte: „Uli ist eben Uli“ und ergänzte wohl vergnügt: „Die Luft ist wieder rein“. Inhaltlich schien man aber nicht wirklich weitergekommen zu sein. Klinsmann erklärte nach dem Treffen, an der Rotation im Tor festzuhalten und seinen Wohnsitz auch weiterhin nicht aus Kalifornien nach Deutschland zurückzuverlegen. „Meine Präsenz wird sich danach ergeben, was ansteht und wichtig ist“. Das einzig konkrete Ergebnis war die Wiederbelebung des „Arbeitskreises National-mannschaft“ mit fünf Ligamanagern und dem damaligen DFL-Chef Werner Hackmann. Zum Sprecher des AK wurde Uli Hoeneß ernannt. „Wir haben uns als Freunde verabschiedet“ resümierte Karl-Heinz Rummenigge nach dem Treffen. Uli Hoeneß verweigerte den dutzenden Reportern und Kameraleuten, die ihn in Scharen auf dem Weg zu seinem Fahrzeug begleiteten, eine Stellungnahme.

Ein mit großem Engagement und disziplinierter Ordnung verdientes 0:0 im letzten Spiel des Jahres 2005 gegen Frankreich beruhigte die Gemüter etwas.

Den endgültigen Bruch mit der „Vergangenheit“ leitete Klinsmann am 01. März 2006 ein. Im WM-Vorbereitungsspiel in Rom gegen Italien stand Jens Lehmann im Tor der DFB-Elf. Der 36-jährige Kahn, der „Titan“ und dreifache Weltfußballer, saß auf der Bank. Einen Tag nach der 4:1-Klatsche in Italien stand in der Bildzeitung: „So, als sei nichts geschehen, düste Jürgen Klinsmann gestern wieder ins sonnige Kalifornien. Jetzt will der Bundestag den Nationaltrainer nach Berlin vorladen- weil es bei der WM um ein „nationales Anliegen“ gehe. Ob Grinsi-Klinsi dann das Lachen vergeht?“.  Eine andere Zeitung titulierte: „Viele beschleicht eine Ahnung: Wenn es schief läuft bei der WM, dann fliegt unser blonder Held einfach davon, zurück in das sonnige Nichts“. 

In seiner 2012 erschienen Autobiographie berichtete der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger, dass er nach dieser Niederlage gegen Italien „schwarz gesehen habe für die WM im eigenen Land“. Der Zorn über Klinsmann sei nach diesem Spiel „eskaliert“, weil Klinsmann „wie geplant wieder in die USA flog“ und sich bei einem Workshop der WM-Trainer wenige Tage nach der Klatsche von Bierhoff und Löw vertreten ließ. Klinsmann wurde dafür vom WM-OK-Chef Franz Beckenbauer heftig kritisiert, obwohl es dort eher um administrative und organisatorische Fragen ging. Beckenbauer meinte, es sei mangelnder Respekt, wenn der Trainer der Mannschaft des Gastgeberlandes einer Fußball-WM an dem offiziellen FIFA- Treffen aller 32 Nationaltrainer fehle, und attestierte ihm „eine schlechte Kinderstube sowie (erneut) Beratungsresistenz“.  Theo Zwanziger, damals zunächst noch Co-Präsident des DFB (Doppelspitze mit Mayer-Vorfelder) sprach Klinsmann daraufhin demonstrativ das Vertrauen der DFB-Spitze aus. Erneut wenige Tage später schien der ganze Zoff um Klinsmann verflogen zu sein. Der Bundestrainer wurde nicht, wie die BILD nach der Niederlage gegen Italien „herbei schrieb“ in den Bundestag „zum Rapport“ einbestellt. Er und Beckenbauer als OK-Chef sowie Spitzenvertreter des DFB wurden am 15.03.2006 zum bereits im November 2005 vereinbarten Treffen im Bundeskanzleramt von der Kanzlerin Angela Merkel empfangen. Sie wollte sich über den Stand der Vorbereitungen zur WM im eigenen Land erkundigen. In ihrer typischen Art ging sie auch auf den Schlagabtausch zwischen den Ligavertretern und Klinsmanns sowie die (unsachgemäße) Kritik von Seiten Beckenbauers und Hoeneß ein. „Wir sollten die Vorfreude nicht schon vor dem ersten Spiel in Grund und Boden reden“. Beckenbauer, wie verwandelt meinte „Es tut gut, dass der Jürgen jetzt in Deutschland bleibt“ und ergänzte ironisch: „Zu viel Sonne tut auch nicht gut“.  Merkel merkte zudem süffisant an, ein „Antwort auf die Torwartfrage“ wolle sie aber nicht geben. Die gab Klinsmann Anfang April 2006, als er verkündete, Jens Lehmann hütet zukünftig als neue Nummer 1 das Tor der Nationalmannschaft. Die Begründung vor der Presse überließ Klinsmann seinem Torwarttrainer Köpke. Demnach sah man bei Lehmann „minimale Vorzüge als moderner Torhüter, proaktiv denkend und besser mit Ball am Fuß“. Und natürlich flog Klinsmann nach dem Treffen im Kanzleramt unmittelbar zurück in seine Wahlheimat. Erst zwei Monate später reiste er am Tag vor der offiziellen Bekanntgabe des WM-Kaders an und danach unmittelbar mit dem Kader ins erste Vorbereitungs-Trainingslager nach Sardinien weiter.   

In den Kader der WM 2006 schafften es sechs Spieler, die ihr Debüt unter Klinsmann gegeben hatten: Robert Huth, Per Mertesacker und Thomas Hitzlsperger, die ihr Debüt 2004 feierten sowie mit Mike Hanke und Marcell Jansen drei weitere Spieler, die er erstmals 2005 berufen hatte. David Odonkor rutschte ohne vorheriges Länderspiel in den WM-Kader 2006. Mit Klose, Lahm, Metzelder, Schweinsteiger und Podolski, sowie Frings, Friedrich, Asamoah, Borowski, Kehl und Hildebrandt standen 11 Spieler im Kader, die bereits unter Völler ihr Debüt in der Nationalmannschaft gegeben hatten.  Ballack, Neuville und Schneider bestritten ihr erstes Länderspiel unter Ribbeck und aus der Zeit von Vogts schafften es „nur“ noch Kahn, Nowotny und Lehmann in den Kader. Der Altersdurchschnitt lag bei 27,0 Jahren. Alle 20 nominierten Feldspieler kamen im Laufe des Turniers mindestens einmal zum Einsatz. Lediglich Hildebrand als dritter Torwart bleib die Rolle des Zuschauers auf der Bank.

„Die Welt zu Gast bei Freunden“, so lautete das Motto für die WM 2006. Mit dem emotionalen 4:2 – Sieg im Eröffnungsspiel der WM 2006 in München gelang der Startschuss zu einer unglaublichen Euphorie in ganz Deutschland.  Lahm, der nach einer langen Verletzungspause gerade noch rechtszeitig in den Kader zurückkehrte, schoss mit einem Traumtor in den rechten oberen Winkel erste Tor der WM 2006 -nach sechs Minuten. Auch ich war vor Ort und „aus dem Häuschen“. Dieser Sieg löste in ganz Deutschland eine regelrechte Euphorie und Partystimmung aus und markierte den Beginn des „Sommermärchens“.  Deutschland legte eine begeisternde Siegesserie hin, blieb in der Vorrunde auch gegen Polen (1:0) und Ecuador mit 3:0 ohne Punktverlust und in diesen beiden Spielen auch ohne Gegentor. Im Gruppenspiel kam der Odonkor als Einwechselspieler gegen Polen erstmals zum Einsatz und schlug nach einem furiosen Flügellauf in der Nachspielzeit eine Traumflanke, die Oliver Neuville zum 1:0-Siegtreffer veredelte.  Auch beim Achtelfinalspiel gegen Schweden „stand die Null“. Podolski hatte mit zwei sehr frühen Toren, jeweils nach mustergültiger Vorlage von Klose, einmal mit links und einmal mit rechts, zum 2:0 Endstand getroffen. Im Viertelfinalspiel gegen Argentinien in Berlin waren gegen emotional und wild agierende Argentinier die berühmten „deutschen Tugenden“ wieder gefragt.  Klinsmann ließ im klassischen 4-4-2 spielen. Alle direkten Zweikämpfe wurden aggressiv und diszipliniert geführt, sodass die technisch überlegenen Argentinier über die gesamte Spielzeit zu nicht wirklich vielen guten Torchanen kamen. Nach der torlosen ersten Halbzeit gingen die Argentinier durch einen Kopfball nach einem Eckball in Führung. Erst in der 80. Minute gelang Klose nach Flanke von Ballack, ebenfalls per Kopf, der Ausgleichstreffer gegen „abgezockte“ Argentinier. Die Verlängerung blieb torlos.  Im Elfmeterschließen zeigten alle deutschen Torschützen „Nerven aus Stahl“ und verwandelten jeweils eiskalt. Lehmann schrieb ein Stück Fußballgeschichte. Er parierte zwei Elfmeter.  Vor dem Elfmeterschießen gab ihm Torwarttrainer Köpcke einen Zettel. Er verstaute den Zettel in seinem Stutzen, zog ihn vor jedem Elfmeterschuss der Argentinier aus dem Stutzen und schaute demonstrativ auf den Zettel, um ihn dann wieder seelenruhig zu verstauen. Auf dem berühmten „Lehmann-Zettel“, einem Stück Bleistift-Notizpapier aus dem Mannschaftshotel, standen sieben Namen möglicher argentinischer Schützen. Köpcke hatte auf diesem Zettel kurz vor dem Elfmeterschießen die Schussgewohnheiten dieser sieben Spieler handschriftlich vermerkt. Auf dem Feld standen für das Elfmeterschießen aber nur noch zwei der dort aufgezählten Spieler. Zwei der aufgelisteten Spieler waren bereits ausgewechselt, Messi saß auf der Bank und der erste Torschütze der Argentinier stand nicht auf dem Zettel. Und dieser traf. Über den zweiten Elfmeterschützen Argentiniens stand auf dem Zettel: „langer Anlauf, rechts“. Lehmann wartete lange, sprang nach rechts und parierte den Schuss. Der vierte Schütze stand auch nicht auf dem Zettel. Lehmann kramte den Zettel trotzdem aus dem Stutzen, schaute drauf, stecke ihn wieder ein und sprang intuitiv, wie er später sagte, nach links und hielt den entscheidenden Elfmeter zum Halbfinal-einzug. Der Zettel wurde für 1 Mio.  EURO für einen guten Zweck versteigert und ist im Haus der Geschichte in Bonn als Exponat zu besichtigen. „Kollektiver Rausch“ war in Deutschland ausgebrochen, Schwarz-Rot-Gold dominierte das Straßenbild in ganz Deutschland, das sich weltoffen zeigte, „losgelöst und von einer vorher nie gekannten Leichtigkeit“.  Im Halbfinale gegen Italien in Dortmund stand es bis zur 119. Minute torlos 0:0. Die Italiener diktierten das Spiel in der Verlängerung, scheiterten aber mit einem Schuss an den Innenpfosten aus kürzester Distanz und setzten einen Schuss, von der Strafraumgrenze abgefeuert, an die Latte. Die deutsche Mannschaft wehrte sich, aber das Glück war offensichtlich aufgebraucht und die Kräfte schwanden. Buffon parierte acht Minuten vor Ende der zweiten Halbzeit der Verlängerung einen Distanzschuss von Podolski. Danach suchten die Italiener die Entscheidung. In der 119. Minute erzielten sie nach einer Ecke das 0:1. Deutschland warf nun alle Mann nach vorne und wurde prompt zum 0:2 ausgekontert, in der 120.+ 1 Minute. Millionen von Fußball-Fans hatten mitgefiebert. Die größte Fanmeile in Berlin zählte 900.000 Besucher, die Stadt Dortmund ging von 200.000 Besuchern aus. Nach dem dramatischen Aus gegen Italien und das kurz vor Ende der Verlängerung verursachte eine Mischung aus „tiefer Enttäuschung, Schock und plötzlicher Stille auf den Fanmeilen“.   Klinsmann meinte: „Es ist schwer in Worte zu fassen. Die Enttäuschung ist riesengroß. Es ist eine bittere Pille, so kurz vor Schluss noch zwei Tore zu bekommen“.

Klinsmann und seiner Mannschaft gelang es innerhalb von nur vier Wochen mit mitreißenden Spielen, gemeinsamen Feiern mit den Fans aller Welt und den zahllosen Public Viewing -Groß- Veranstaltungen gelebte Gastfreundschaft förmlich „in die Welt zu tragen“.   Nach dem souveränen 3:1-Sieg im Spiel um dritten Platz gegen Portugal in Stuttgart feierten die Medien die DFB-Mannschaft als „Weltmeister die Herzen“. Im Mittelpunkt standen Kahn und der Doppeltor-schütze im Spiel um Platz drei, Schweinsteiger, sowie Klinsmann für seine „menschliche Größe“, Kahn nochmals ins Tor zu stellen, „weil wir ihm viel zu verdanken haben“, begründete Klinsmann diese Entscheidung. Die Medien einschließlich „BILD“ feierten nicht nur die Mannschaft, sondern nun auch Klinsmann als „Volksheld des Sommermärchens“ und für seinen modernen, offensiven Fußballstil, der ein neues „Wir-Gefühl“ auslöste. Auf der Fanmeile in Berlin feierten über eine halbe Million Fans die deutsche Mannschaft um Klinsmann und Löw und den kompletten Betreuerstab von über 60 Personen, einschließlich Koch und Spezial-berater.

Drei Tage nach dem rauschenden Fest in Berlin erklärte Klinsmann seinen Rücktritt. Das Echo war gewaltig und er löste großes Bedauern sowie eine Welle der Enttäuschung bei Fans und Funktionären aus. Verständnis und Respekt zollte man Klinsmann für die Begründung seines Rücktritts als Folge der kräftezehrenden Vorbereitung der Heim-WM und auch wegen dem ständigen Pendeln zwischen seiner „neuen“ und seiner „alten“ Heimat.

Der Enttäuschung folgte unmittelbar Zuversicht. Der DFB ernannte Joachim Löw unmittelbar zum Nachfolger.

So viel für heute.

Viele Grüßen aus dem Schwarzwald

 

16.09.2026/Soe