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Ist Jürgen Klopp der „Richtige“?

Jürgen Klopp ist neuer Bundestrainer im Männerfußball. Er ist der „erst“ zwölfte Bundestrainer der Nachkriegszeit bzw. nach der Wiederaufnahme Deutschlands in den Weltfußballverband FIFA im Jahr 1950. Die internationale Resonanz auf seine erste Pressekonferenz als Bundestrainer bewegte sich zwischen „Messias oder bloße Kosmetik“. Es ist unstrittig: Die Aufgaben eines Fußball- Bundestrainers haben sich seit der Nachkriegszeit vom „reinen Taktik- Sportlehrer“ zu einem „gesellschaftlichen Repräsentanten“ entwickelt. „Sein (des Nationaltrainers) Einfluss auf Mannschaft, Medien und Politik spiegelt dabei stets den jeweiligen Zeitgeist wider“.  Diese aus meiner Sicht absolut zutreffende Einschätzung stammt nicht von mir. Ich habe sie aus einem zur WM 2026 publizierten Artikel der „bpb“, der Bundeszentrale für politische Bildung, zitiert. Egal ob man den Fußball liebt oder „alles für übertrieben“ hält, heutzutage wird in nahezu allen Bevölkerungsschichten und, massiv gesteuert durch die zahlreichen Medien, eher über Fußball diskutiert und berichtet als über politische oder wirtschaftliche Fragen. Man bekommt den Eindruck, dass für viele Menschen und in zahlreichen Medien die Leistungen der Vereine, Spieler und Trainer der Fußball-Bundesliga und den europäischen Top-Ligen, das Abschneiden der deutschen Vereine in der CL-League (und mit Abstrichen der Europa League) und ganz besonders der deutschen Nationalmannschaft eine viel wichtigere Rolle spielen.

Fußball gilt in der Kulturwissenschaft und Geschichtsschreibung als bedeutendes Kultur-phänomen und Kulturgut. Er hat sich vom einfachen Ballspiel mit mehreren Personen zu einem Massenphänomen entwickelt. Mit eigener Identität, Spielkunst und Ritualen, so in etwa ist das „Phänomen Fußball“ in einer kommentierenden Bibliografie des Bundesinstitut für Sportwissenschaft „Fußball als Kulturgut“ nachzulesen. „Fußball ist ein gutes Beispiel für Globalisierung“, steht dort, der zusammen mit Pop und Jugendkultur heute zu einem „großen, globalen Geschäft verschmolzen“ ist. Als Personifizierung wird dafür der „internationale Superstar des modernen Fußballs, David Beckham, beispielhaft genannt.  Auch „die Lichtgestalt des deutschen Fußballs“, Franz Beckenbauer, gab Anfang dieses Jahrhunderts dazu zum Besten „Fußball ist auch ein Stück Kultur“.

In meiner mehrteiligen Kolumne versuche ich in Teil 1 die für die Globalisierung des Fußballs als Event wesentlich verantwortliche Rolle des Weltfußballverbandes FIFA zu skizzieren. In Teil 2 fasse ich ebenso kompakt die Erfolge deutscher Fußballnationalmannschaften bei den bisherigen FIFA- WM- und UEFA-EM-Endrunden zusammen. Im 3. Teil versuche ich, die wesentlichen Persönlichkeitsmerkmale und Leistungen der sieben Bundestrainer darzulegen, die für die großen Erfolge Deutschlands im Weltfußball und auf europäischer Ebene in der Nachkriegszeit gesorgt haben. Diese sind: Sepp Herberger (1936-1942), zunächst als „Reichstrainer“ und von 1950 -1964 als der erste Bundestrainer, Helmut Schön (1964-1978), Jupp Derwall (1978-184), Franz Beckenbauer (1984-1990), Hans Hubert „Berti“ Vogts (1990-1998), Jürgen Klinsmann (2004 -2006) und Joachim Löw (2006-2021). Im 4. und letzten Teil geht es um die Frage und Hoffnung zugleich, ob/dass Jürgen Klopp „der Richtige“ werden könnte, den Glanz und Ruhm der Nationalmannschaft wieder aufleben zu lassen. 

1.Die Rolle der FIFA auf dem Weg des Fußballs zu einem globalen Geschäft

Im Mai 1904 beschlossen sieben europäische Fußballverbände in Paris die Gründung der FIFA. Sie ist die bis heute der globale Dachverband aller nationalen Fußballverbände. Der wesentliche Antrieb zur Gründung der FIFA war der Wunsch nach einheitlichen Regeln für den Mitte des 19. Jahrhundert, ausgehend von England, aufkommenden, organisierten Fußball in Vereinen, zunächst in Großbritannien und dann in Europa und den damaligen Kolonien Englands. Deshalb war eine weitere Idee des (rein europäischen) Gründungsgremiums, möglichst bald  Fußballweltmeisterschaften zu organisieren. Die Gründungsväter der FIFA, voran der Vertreter des französischen Verbands, hatten die Vision, Fußball könne und müsse Menschen und Völker über Grenzen hinweg verbinden und den Weltfrieden fördern. Diese Idee war sicherlich wesentlich beeinflusst durch den bereits 10 Jahre zuvor mit der Gründung des IOC, ebenfalls in Paris, wieder aufgegriffenen olympischen Gedanken der Antike. Die Vision des IOC ist heute noch, durch Förderung des Sports in der Gesellschaft, der Stärkung der Integrität des Sports insgesamt, die Unterstützung von fairen Athleten und anderen Sportorganisationen eine „bessere Welt“ zu schaffen.

Bereits in ihren Gründungsstatuten reklamiert die FIFA für sich im Wesentlichen drei Alleinstellungsmerkmale:

ü  (1A) den Allzuständigkeitsanspruch für den Fußballsport

ü  (1B) das Gebot der weltanschaulichen und politischen Neutralität des Fußballsports („no politics“)

ü  (1C) die demokratischen Entscheidungsfindung innerhalb ihrer Organisation und der Mitgliedsverbände nach dem Abstimmungsprinzip „ein Land, eine Stimme

„Auf den ersten Blick erscheinen diese Organisations- und Handlungsprinzipien unproblematisch“. So kann man im Leibniz Institut für Zeitgeschichte, das damit beauftragt ist, „die gesamte deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts bis zu Gegenwart in ihren europäischen und globalen Bezügen zu erforschen“, nachlesen.

Aber nur auf den ersten Blick. Denn dieser eher „vage und offene Rahmen erlaubte im Laufe der Jahrzehnte eine enorme Auslegung und Entwicklung hin zu einer einem globalen Macht- und Milliarden Wirtschaftsfaktor“Darauf gehe ich nachfolgend kurz ein. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der von der FIFA zwischen 1916 und 1966 geschaffene Unterbau in Form von sechs Kontinentalverbänden. 

 

1A) Der Allzuständigkeitsanspruch der FIFA für den Weltfußball zeigt sich insbesondere darin, dass die FIFA

1Aa) seit Gründung der alleinige Dachverband des Weltfußball war und ist

1Ab) seit 1912 die alleinige Veto-Macht hat, um Regeln und Vorgaben für den weltweiten Fußball zu erstellen und/oder anzupassen. Sanktionen und Strafen bei Verstößen dürfen ausschließlich durch die offiziellen und unabhängigen Rechtsorgane der FIFA verhängt werden

1Ac) das alleinige Vermarktungs- und Entscheidungsrecht über alle ihre sportlichen Veranstaltungen und alle ihre Turniere, wie insbesondere die in 4-jährigen Abstand stattfindende FIFA- Fußballweltmeisterschaften.

 

1Aa) Die sechs Konföderationen und nationalen Fußballverbände der FIFA

Die sechs weltweiten Konföderationen (u.a. die 1960 für Europa als Kontinent gegründete UEFA, der der DFB als Gründungsmitglied angehört) verwalten und regeln unter dem Dach der FIFA den Fußball auf ihrem jeweiligen Kontinent und richten eigene, kontinentale Turniere aus. Dazu zählen z.B. in Europa vor allem die für die besten Fußballvereine ihrer Mitgliedsverbände jährlich stattfindende UEFA- Champions- League als sog. „Königsklasse“, die UEFA Europa League und die UEFA Conference League sowie der UEFA- Superpokal. Die UEFA richtet auch die UEFA- Europameisterschaft und die Nations- League für Nationalverbände sowie last but noch least die Qualifikationsrunden für die FIFA-Weltmeisterschaft aus. Die nationalen Verbände, wie in Deutschland der DFB, organisieren den Spielbetrieb in ihrem Land. Jeder Nationalverband hat eine Stimme beim jährlichen FIFA- Weltkongress. 

Heute sind die nationalen Fußballverbände praktisch aller Nationen dieser Erde auch Mitglied der FIFA. Sie hat mit aktuell 211 Mitgliedsverbänden mehr Mitglieder als die Vereinten Nationen (UNO), deren 193 Mitgliedsstaaten sich für die Sicherung des Weltfriedens, der Förderung der internationalen Zusammenarbeit und der Menschenrechte einsetzen. 

Der bereits im Jahr 1900 zu Zeiten des Deutschen Kaiserreichs geründete, nationale Fußball-Verband, der DFB, war kein Gründungsmitglied der FIFA, trat aber noch am Tag der Gründung der FIFA „quasi“ als achtes Gründungsmitglied dem Weltfußballverband bei.  Er gehörte zu den 31 Gründungsmitgliedern der UEFA im Jahr 1954, die heute 55 Mitglieder zählt.

 

1Ab) Die Regeln und Vorgaben für den weltweiten Fußball und das alleinige Veto-Recht der FIFA

Ausgehend von England, als „Mutterland des Fußballs“ bezeichnet (und wo erste Hinweise auf fußballähnliche Spiele ins 14. Jahrhundert zurückdatiert werden), hat sich im Zuge der dort einsetzenden Industrialisierung Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts „Fußball“ an Privatschulen und Universitäten so wie in privaten Clubs zu einer populären Sportart entwickelt. Zunächst nicht in der Form, wie wir ihn heute kennen, sondern „lose organisiert“ und in verschiedenen Varianten als „Mob Football“ gespielt.  Es ist überliefert, dass „wild und roh“ und oft auch mit den Händen und robustem körperlichem Einsatz, einschließlich des Umwerfens von Spielern („Tackling“), regelrecht um den Ball gekämpft wurde. Der bestand anfänglich aus einer auf-geblasenen Schweinsblase in einer Lederhülle und war deshalb anfangs eher eiförmig als rund. Gespielt wurde nach mündlich überlieferten Regeln, ohne bestimme Größe des Spielfelds oder der Tore und zunächst auch ohne Schieds- oder Linienrichter. Erst die Gründung des ersten nationalen Fußballverbands, der Football Association (FA) im Jahr 1863 und wiederum in England, brachte eine gewisse Vereinheitlichung der Regeln mit sich. Die FA hat in Zusammen-arbeit mit 43 Vertretern Londoner und weiterer nationaler Vereine in England in exakt 44 Tagen 14 Grundregeln für Fußball aufgestellt. Seither ist das Tragen oder Berühren des Balls mit den Händen beim Spiel genauso strikt verboten wie das Tackling. Vor allem wegen des Verbots des „Treten-nach-den Schienbeinen“ soll es damals unter den Vertretern zu heftigem Streit und einem „historischen Eklat“ gekommen sein. Die gegen dieses Verbot gestimmt hatten sollen die FA „unter heftigem Protest“ verlassen haben. Acht Jahre gründete die Gruppe der Abtrünnigen ihren eigenen Verband- die Rugby Football Union (RUF).

Mit der Überarbeitung der FA-Regeln wurde 1872 auch die äußere Form des Fußballs exakt als Kugel aus Leder mit einem Durchmesser von 27 bis 28 Zoll vorgeschrieben.

Im letzten Drittel des 19. Jh. breiteten sich der Fußball und die FA-Regeln durch britische Matrosen, Geschäftsleute und Einwanderer zunächst auf die britischen Inseln und in den englischen Überseegebieten wie besonders Südamerika rasch aus. Gegen Ende des 19. Jh.  kam das organisierte, regelgebundene Fußballspielen in eigens dafür geründeten Vereinen auch vollends in Kontinentaleuropa an. Ausgehend von der Schweiz, in die viele wohlhabende englische Fußballanhänger ihre Kinder zur Schulbildung in Internate schickten. Sie hatten den Fußball quasi im Gepäck mitgebracht.

In einigen europäischen Ländern war die Einführung des Fußballs als Wettkampfsport im ausgehenden 19. Jahrhunderts zunächst einigen heftigen Attacken ausgesetzt. In einer 1898 veröffentlichten Schmähschrift mit dem Titel „Fusslümmelei“ bezeichnete der Stuttgarter Karl Planck, Sohn des berühmten Max Planck, Fußball als Strauchballspiel“, als „englische Krankheit“ und auch als etwas „Gemeines“. Er stand mit seiner Kritik nicht allein da, weil der aufkommende Vereinsfußball die Vormachtstellung des damals mehr oder weniger elitären Turnens in Vereinen nach dem Vorbild von „Turnvater Jahn“ verdrängte. Der Siegeszug des als „geistloser Proletensport“ geschmähten Fußballsports konnte aber dadurch nicht aufgehalten werden.

Um in Großbritannien und für die englischen Überseeländer ein einheitliches Fußball-Regelwerk zu schaffen, gründeten die vier Fußballverbände England, Schottland, Irland und Wales 1886 ein separates Gremium. Das International Football Association Board (IFAB), ebenfalls in London gegründet.  Die FIFA ihrerseits hat bei ihrer Gründung im Jahr 1904 die vom IFAB bis dahin auf 17 erweiterten Regeln übernommen.1912 ist die FIFA der IFAB beigetreten. Als Folge wurde ein Vorstand gegründet, der für das operative Geschäft einen Geschäftsführer bestellte. Die FIFA stellt mit ihrem Generalsekretär seit 1912 den Vorstandsvorsitzenden. Verbunden mit der Neuaufstellung der IFAB musste zwangsläufig auch das Stimmrecht angepasst werden. Seither hat die FIFA dort vier Stimmen und die vier britischen Fußballverbände je eine Simme. Laut IFAB-Satzung von 1912 erfordert jede Regeländerungen seither eine Mehrheit von mindestens sechs der insgesamt acht Stimmen des Vorstands. D.h., seit 1912 können ohne die Stimmen der FIFA keine Änderungen beschlossen und keine Regeln aufgestellt oder geändert werden. Die FIFA hatte sich so bereits 1912 das alleinige Veto-Recht über das Regelwerk des bereits damals internationalen Fußballs gesichert. 2014 wurde der Sitz des IFAB nach Zürich verlegt und zu einem unabhängigen Verein nach Schweizer Recht „umfunktioniert“.  Seit dieser Zeit hat die IFAB auch ein vielköpfiges Fußball- sowie ein Technik-Beratungsteam zugeordnet bekommen. In beide Teams werden ausschließlich ehemalige Spieler und Trainer sowie Schiedsrichter und Funktionär berufen (und bezahlt). Aus zunächst 14 Regeln hat die IFAB - Stand heute- ein Buch mit über 150 Seiten gemacht. Vollgepackt mit den offiziellen Spielregeln, ergänzt um die Regeln für den VAR und die Netto-Spielzeiten sowie um Zeitvorgaben bei Auswechslungen, den Countdown-Regeln für Torhüter, Abstöße und Einwürfe sowie klaren Regeln bei Verstößen gegen Verhalten, Fouls bis hin zu Platzverweisen, Strafen für Platzverweise, Spielabbrüchen und Unsportlichkeiten. Alle Regeln gelten für alle Veranstaltungen der FIFA sowohl für Frauen- und Männer- als auch für Jugendfußball.  Die UEFA wendet grundsätzlich das IFAB-Regelwerk an, auch wenn einige Neuerungen im Videobeweis oder Sonderregelungen (z.B. Trinkpausen bei der WM 2026) (bisher) nicht übernommen werden.

 

1Ac) Das alleinige Vermarktungsrecht der FIFA

Die FIFA hat sich selbst das alleinige Vermarktungsrecht der Fußball-WM und aller weiteren FIFA- Fußballveranstaltungen verordnet. Dazu gehören die globalen Medienrechte, die neben den TV-Rechten (Free-TV und Pay-TV) heute auch die Verwertung über Mediatheken, Social-Media-Plattformen und neue Creator-Modelle sowie diverse Sublizenzen z.B. für den asiatischen Raum exklusiv umfassen. Die FIFA vergibt an sog. „FIFA-Partner“ exklusive und langfristige „Kategorie-Rechte“. Diese sichern globalen Unternehmen das exklusive Monopol in ihrer Branche für alle FIFA-Wettbewerbe.  Zudem schützt die FIFA offizielle WM-Sponsoren für bestimmte Turniere -zeitlich und regional begrenzt- ebenfalls exklusiv.  Die Vermarktung des Ticket- Erstverkaufs sowie den Weiterverkauf wickelt die FIFA über die eigene „FIFA Ticketing Plattform“ ebenfalls exklusiv ab.

Dadurch hat sich die FIFA zu einer wahren Gelddruckmaschine entwickelt. Die (Geld-) Macht und der Einfluss der FIFA hat auch dazu geführt, dass sich WM-Endrundenturniere mehr und mehr zu einem gigantischen, kommerziellen und globalen Event entwickelt haben. Bei der WM 2026 in den USA wurde beim Endspiel als weitere „Neuheit“ und entgegen den FIFA-eigenen Statuten erstmals eine Halbzeitshow geboten. Diese dauerte (natürlich) fast doppelt so lang wie die in den offiziellen FIFA-Statuten festgelegte 15-minütige Halbzeitpause. „Medienstars“ wurde die Bühne geboten, sich selbst als „Produkt“ weltweit präsentieren durften.  Auch die 3-minütige Trinkpausen, die nach etwa 22 und 67 Minuten als Sonderregelung des WM-Organisationskomitee, geleitet vom FIFA-Präsidenten, für die WM 2026 eingeführt wurde, war für die Zuschauer in den Arenen und die TV-Zuschauern „von der ersten bis zur letzten Sekunde“ mit Werbung vollgepackt.                                                                                                                                                         Die FIFA erwartet durch die WM 2026 deutlich mehr Einnahmen als sie sich selbst vorgegeben hat, einzunehmen. In den Medien wird von 15.000 Millionen USD an Einnahmen berichtet. „Die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 wird auch hinsichtlich ihres finanziellen Beitrags zur globalen Fußballgemeinschaft bahnbrechend sein“, so der amtierende FIFA-Präsident. 

Alle derzeit 48 an der WM-Endrunde teilnehmenden Verbände erhalten einmalig eine Vorbereitungs - und Antrittsprämie von einheitlich 12,5 Mio. USD und je nach Platzierung eine Leistungsprämie. In Summe nennt die FIFA dafür 620 Mio. USD an Aufwendungen. Zudem schüttet die FIFA an alle Vereine, die Spieler für die Qualifikation für du Teilnahme an der WM 2026 abgestellt haben, im Rahmen des „Club Benefits Programme“ eine Summe von 355 Mio. USD aus, so lautet eine FIFA- Mitteilung dazu. Unabhängig davon bekommen alle 211 Verbände von der FIFA aus ihrem „Forward Programme“ jährlich eine Grundförderung überwiesen. Für 2026 beträgt die Grundförderung 2 Mio. USD, in Summe also 422 Mio. USD. Vor allem für die Verbandsarbeit kleinere Länder ist die regelmäßige Grundförderung ein wahren Geldsegen. Wer will solchen Ländern verdenken, wenn sie eher dazu neigen, zu schweigen oder zuzustimmen, wenn bei FIFA-Kongressen Abstimmungen zu Änderungen an den Statuten oder die Wahl eines FIFA-Präsidenten ansteht. Zumal der Präsident regelmäßig und rechtzeitig betont, dass die Grundförderung immer dann erhöht werden kann, wenn die Erlöse der FIFA steigen. Diese Steigerung sei notwendig und die Voraussetzung dafür, dass die „Demokratisierung des Fußballs“ immer schneller voranschreitet, so der Präsident. Dass die FIFA unter seiner Führung heute Rücklagen in Höhe von 5.000 Millionen USD angehäuft hat (diese Zahl ist wohl aktuell und stammt von der UEFA) gehortet hat, das verschweigt er. Für was, in dieser Höhe? Damit könnte die von ihm gewünschte schnellere Demokratisierung doch viel kurzfristiger vorgenommen werden.

 

1B) der no politics“- Anspruch der FIFA

Das Prinzip „no politics“ im Sport wurde im englischen Fußball des 18. Jahrhunderts eingeführt und war zumindest so lange gültig, solange Sport vornehmlich zu gesellschaftlichen Zwecken betrieben wurde. Zumindest während des Ausübens von Sport sollten eventuelle außer-sportlichen Differenzen ignoriert werden. Dazu zählten vor allem politische, religiöse oder persönliche Feinseligkeiten. Aber genau und gerade darin lag und liegt das Paradoxon, dass „die Akzeptanz des unsportlichen Sports die Voraussetzung seiner Verwirklichung (des Sports) war“. So die Bewertung eines Professors für Neuere Geschichte mit Schwerpunt Sport. Weiter schreibt er, dass die hehre Vision der FIFA „no politics“ spätestens mit dem Ausbrechen des 1. Weltkriegs ad absurdum geführt worden sei. Es ist wohl zweifellos dokumentiert, dass während des 1. Weltkriegs zwischen nationalen, befreundeten Sportverbänden und Militärbehörden nicht nur an der „Heimatfront“, sondern auch „Hinter der Front“ und in „Kampfpausen“ Fußball und andere Sportarten gespielt wurden. Trotzdem wurde nach Kriegsende und nun umso offensiver die Trennung von Sport und Politik vertreten, so der Historiker weiter. Nach Kriegsende wurden die Nationalverbände Deutschlands und Österreichs -politisch motiviert- zeitweise aus der FIFA ausgeschlossen. Spiele auf Vereinsebene waren aber davon nicht betroffen. Da aber Deutschland und Österreich damals den attraktivsten Fußball spielten und damit auch die Massen anzogen, wurden beide Länder Ende der 1920er-Jahre wieder und in „Ehren“ in die FIFA aufgenommen.

Die erste FIFA-WM im Fußball fand 1930 statt. Zuvor wurde bei einigen Olympischen Spielen seit 1908 auch der Fußball-Olympiasieger unter den teilnehmenden Nationalmannschaften ermittelt.  Die erste Fußball-WM der FIFA wurde bewusst an Uruguay vergeben. Uruguay war nicht nur als zweifacher Fußball-Olympiasieger dazu sportlich prädestiniert, die Entscheidung sollte auch und insbesondere zur Völkerverständigung beitragen. Uruguay feierte 1930 seine100-jährge Unabhängigkeit. Sie wurde nach vielen Schlachten, ausgelöst von Brasilen und Argentinien und der entscheidenden Parteinahme der damaligen „Schutzmacht“ England sprichwörtlich erkämpft. Die europäischen Mannschaften scheuten die hohen Anreisekosten. So wurde die erste Fußball-WM zu einer fast reinen südamerikanischen Angelegenheit. Uruguay gewann das Endspiel gegen seinen „Erzfeind“ Argentinien mit 4:2 und damit auch den 1. WM-Titel überhaupt. Das Turnier veränderte das Klima im Weltfußball, ist in einer detaillierten Publikation in der Zeitschrift „Fußball und Politik“ zur „Geschichte der FIFA- Weltmeisterschaft- Vom Regionalturnier zum globalen Event“ - nachzulesen. Weiter steht dort, dass die WM 1930 sowohl sportlich als auch wirtschaftlich ein Erfolg war und in Uruguay eine Aufbruchstimmung auslöste. Der bis dato auf Europa beschränkte Spielermarkt weitete sich aus- die WM forcierte „den Exodus südamerikanischer Spieler in Richtung Europa“. Das Turnier markierte zudem den „Anfang des internationalen Sporttourismus“. Zum Endspiel machten sich „20.000 Fans aus Argentinien mit Passagierdampfern auf den Weg“.  

Auf der nächsten FIFA-WM, 1934 in Italien, „lastete ein politischer Schatten“.  Sie war nur zustande gekommen, weil „hohe FIFA-Funktionäre intensiv mit dem Regime Mussolinis kooperierten“. Dieser wiederum nutzte die WM 1934 im eigenen Land dazu „den Zuschauern seine Stärke und Macht zu demonstrieren und für seine Ideologie zu begeistern“.  Italien gewann den ersten Titel des Fußballweltmeisters. Die Ausrichter „schreckten auch nicht vor einer massiven Beeinflussung der Schiedsrichter zurück“ Sie benachteiligten die Gegner der Italiener auffallend und „tolerierten dieextrem harte Gangart der italienischen Spieler“. Italien ging als „hässlicher Sieger“ in die Annalen der WM-Geschichte ein.

„Verstöße“ gegen die „no politics“-Vorgabe der FIFA verstummten auch in der Nachkriegszeit und bis heute nicht.  Die FIFA dementiert solche „Vorwürfe“ gegen ihren selbst auferlegten „no politics“-Anspruch stets unverzüglich und greift ihrerseits ihre Kritiker in jüngster Zeit auffallend oft und scharf an.

 

1C) Demokratische Entscheidungsfindung der FIFA

Die FIFA hat für den Umgang mit und unter den Nationalverbänden bei ihrer Gründung auch das Prinzip „one country - one vote“eingeführt.  Nur damit konnte die Gleichbehandlung aller Gründungsverbände, in der auch damals verfeindete Länder vertreten waren, sichergestellt werden, wird berichtet. Jede Form der Stimmgewichtung hätte damals unweigerlich zum Scheitern der FIFA-Gründung geführt. Dass dieses Prinzip sowohl in der Vergangenheit als auch gegenwärtig zu „Verfehlungen“ und/oder der „entsprechenden Absprachen“ von Entscheidungen, bis hin zu Manipulationsvorwürfen und der Äußerung von Korruptions-Verdachtsfällen geführt hat ist nicht verwunderlich. Als Konsequenz hat die FIFA das Verbot von Korruption in ihren erstmals 2004 veröffentlichten „Ethikkodex“ aufgenommen. Einzelne nachgewiesene Korruptionsfälle wurden von der FIFA selbst offiziell bekannt gemacht. So 2012, als anhand von Dokumenten nachgewiesen wurde, dass der frühere FIFA-Präsident Havelange und der damalige Präsident des brasilianischen Verbands Teixeira, der auch FIFA- Exekutivkomitee-Mitglied war, mindestens 11 Mio. USD an Bestechungsgeldern für die Erteilung von WM-Vermarktungsrechte „unter der Hand“ kassiert hatten. Oder 2015, als auf Gesuch der US-Justiz (FBI) eine Reihe, zum Teil hochrangiger FIFA- Funktionäre, wegen Bestechung, Betrug und Geldwäsche im Umfeld von illegalem Verkauf von Vermarktungsrechten verhaftet und nach jahrelangen Prozessen der Schweizer Behörden und der US-Justiz verurteilt und gesperrt wurden.  Vier Tage nach seiner Wiederwahl trat Sepp Blatter im Juni 2015, 78-jährig und seit 1998 als FIFA- Präsident im Amt, zurück: „Wir (die FIFA) müssen große Reformen einleiten. Ich stelle mein Mandat zur Verfügung, ich habe hart für Veränderungen und Reformen gekämpft. Aber ich kann das nicht alleine machen“. Er blieb, wie ebenfalls angekündigt, bis sein Nachfolger – der heute amtierende Präsident- am 16. Februar 2016 zu seinem Nachfolger gewählt war.

Im Zusammenhang mit dem aktuellen Alleingang des amtierenden FIFA-Präsidenten, alle FIFA-Fußballturniere in eine separate Gesellschaft auszugliedern und 20 bis 30% deren Anteile an private Investoren zu verkaufen, wird offensichtlich, dass dessen Demokratieverständnis „sehr weitgefasst“ zu sein scheint. Sein Plan, diesen Vorschlag im Alleingang und zudem mit einem Ultimatum einer kurzfristigen Zustimmung durch die den 211 Mitgliedsverbänden erzwingen zu können, hat bei der Mehrheit der Mitgliedsverbände zu Empörung geführt. Drei der größten kontinentalen Verbände haben den Vorschlag kategorisch abgelehnt. „Der Fußball steht nicht zum Verkauf“. Die UEFA hatte als einziger Verband zudem mitgeteilt, an keiner FIFA- WM mehr teilzunehmen, solange der Präsident diesen Vorschlag nicht ersatzlos zurücknimmt. Der afrikanische Verband AFC fasst das beim amtierenden FIFA-Präsidenten offensichtlich vorherrschende Demokratieverständnis treffend zusammen: „Echte Demokratie misst sich nicht allein an der Möglichkeit zur Abstimmung. Sie beginnt mit transparenter Führung, rechtzeitiger Konsultation, fundierter Beratung und echter Beteiligung während des gesamten Entscheidungsprozesses“. Daraufhin hat der amtierende Präsident seine diesbezüglichen Pläne zurückgezogen und bedauert, dass dadurch die von ihm angestrebte „Demokratisierung des Fußballs“ nicht so rasch voranschreiten würde, als wie von ihm dadurch erhofft. Als Reaktion darauf hat die UEFA in einem jüngsten Statement verlauten lassen: „Die derzeitige Führung der FIFA hat nicht nur das Vertrauen der UEFA verloren, sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fußball-Familie“. Deren Boss, Aleksander Ceferin, sieht sich gerne als „Gegenentwurf“ zum amtierende FIFA-Präsidenten. Dabei ist es Ceferin selbst, der die ebenfalls exklusiv der UEFA vorbehaltene Vermarktung aller Medien- und Sponsorenrechte in seiner Amtszeit seit 2016 von damals 2.835 Mio. USD auf einen Umsatz von knapp über 5.000 Mio. USD (Finanzberichte der UEFA von 2016/2017 und 2024/2025) gepuscht hat. 88% der Einnahmen der UEFA stammen demnach aus der Vermarktung der Champions League, der Europa League und der Conference League. Jedes Jahr wohlgemerkt und stetig steigend. Im Unterschied zur FIFA hortet die UEFA ihre Gewinne bei weitem nicht in vergleichbarer Dimension wie die FIFA. Das finanzielle Poster der UEFA beläuft sich auf rd. 500 Millionen USD. Es beträgt nur rd. 1/10 der von der FIFA gehorteten Rücklagen und Reserven in Höhe von 5.000 Mio. USD (Diese Zahl hat die UEFA veröffentlicht).  Damit könnte die FIFA schon heute deutlich mehr zur „Demokratisierung des Fußballs beitragen“. Die UEFA schüttete 2024/2025 rd. 3.861 Millionen USD an die 55 Verbände und vor allem an diejenigen Vereine aus, die an UEFA-Wettbewerben teilnehmen. Sie leistete zusätzlich sog. „Solidaritätszahlungen“ in Höhe von knapp 470 Mio. USD. Laut UEFA-Finanzbericht 2024/2025 flossen damit knapp 87% der Einnahmen zurück in den europäischen Fußball.  

Im März kommenden Jahres kann sich der amtierende FIFA-Präsident nochmals zur Wiederwahl stellen. Ausgelöst durch den Rücktritt von Sepp Blatter im Jahr 2015 hat der zur Neuwahl des amtierenden FIFA-Präsidenten anschließend einberufene, außerordentliche FIFA- Kongress 2016 auch beschlossen, die Präsidentschaft zukünftig auf maximal drei Wahlperioden à vier Jahren zu beschränken.  Die erste Amtszeit des amtierenden Präsidenten dauerte jedoch nur drei statt vier Jahre (2016-2019). Vor der Neuwahl 2023 wertete der FIFA-Rat, mit dem jeweils amtierenden FIFA-Präsidenten an der Spitze, die erste Amtszeit des amtierenden Präsidenten als „nicht vollständig“. Daher kann er nach seiner „offiziell“ ersten Wahl 2019 und seiner „offiziell“ zweiten Wahl 2023 nun nächstes Jahr zu seiner dann offiziell dritten und letzten Amtszeit bis 2031 antreten.  Bei den bisher beiden offiziellen Wahlen war er, ohne Gegenkandidaten zu haben, per Akklamation gewählt worden.

 

2027 steht auch die Neuwahl des UEFA-Präsidenten an. Ceferin ist, wie der FIFA-Präsident, seit 2016 Präsident der UEFA. Im Prinzip könnte auch er 2027 nochmals zur Wiederwahl antreten, da die erste Amtszeit von Ceferin nur knapp 2 ½ Jahre dauerte.  Beim UEFA-Kongress 2024 wurden zahlreiche Änderungen der UEFA- Statuten en bloc zur Abstimmung gebracht nahezu einstimmig bestätigt. Darin enthalten war auch die Anpassung, wonach alle Amtszeiten, die vor dem 1. Juli 2017 begonnen hatten, auf die neu eingeführte Beschränkung auch des UEFA-Präsidenten für max. drei Amtszeiten je vier Jahre nicht angerechten werden. Der Anlass dafür war, dass der 2007 erstmals als UEFA-Präsident und im Amt 2011 und 2015 bestätigte Michael Platini von seinem Amt Mitte 2016 zurücktrat. Die Ethik -Kommission der FIFA hatte ihn, den damals amtierenden FIFA-Präsidenten Blatter und den amtierenden Generalsekretär der FIFA, Jérome Valcke, im Oktober 2015 für zunächst 90 Tage gesperrt. Satzungsgemäß hat das Gremium die Gründe dafür nicht genannt.  Zwei Wochen zuvor hatte die Schweitzer Bundes-Anwaltschaft ein Strafverfahren gegen Blatter unter anderem wegen des Verdachts der „ungetreuen Geschäftsbesorgung“ eingeleitet. Als das FIFA- Berufungsgericht Mitte 2016 eine Sperre für Platini über vier Jahre bestätigt hatte, trat er unmittelbar zurück. In beiden Fällen wie auch bei Valcke verzichtete die Schweizer Bundesanwaltschaft nach jahrelangen Prozessen und bereits zwei vorangegangen Freisprüchen in erster und zweiter Instanz auf eine weitere Berufung. Alle drei wurden freigesprochen.

Damit ist der Weg für eine weitere Wahl von 2027 bis 2031 auch für Ceferin rechtlich frei. Nach dem UEF-Kongress 2024 verkündete er, dass er keine erneute Kandidatur „plant“.

 

Ich habe mich bemüht, alle diese Sachverhalte wertfrei zu schildern. Auf jeden Fall spiegeln sie meiner Ansicht nach klar und unmissverständlich wider, auf welchem besorgniserregenden Weg sich der Weltfußball befindet. Weitgehend beherrscht von der FIFA und ihren sechs Konföderationsverbänden, darunter insbesondere der UEFA, dem finanziell und sportlich am stärkste und sportpolitisch gewichtigsten Konföderationsverband der FIFA.