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Franz Beckenbauer (1984 bis 1990). „Kaiser Franz“

Franz Beckenbauer folgte auf Derwall für sechs Jahre bis 1990. Gepaart mit allen Erfahrungen seiner langen und erfolgreichen Zeit als Spieler übernahm er, unmittelbar nach Ende seiner Weltkarriere, die Nationalmannschaft -ohne jede Erfahrung als Trainer. Da er keinen Trainerschein erworben hatte, wurde der zum „Teamchef“ ernannt. Um die Regularien einzuhalten, stellte man ihm zunächst Horst Köppel (bis 1986), danach Berti Vogts und Holger Osieck und zur Seite. Beiden hatten alle notwendigen Lizenzen. Sein Gehalt betrug rd. 400.000 DM, das rd. 19-fache des Durchschnitteinkommens.

Beckenbauer hatte einen schwierigen Start. Das sportliche Umfeld war sehr eingetrübt, es gab sowohl gesellschaftspolitisch als auch weltpolitisch dramatische Einschnitte und der Profifußball veränderte sich von eher sportlichen Veranstaltungen zu einem kommerzialisierten Medienevent.  

Länderspiele waren Mitte der 1980er- Jahren meist schlecht besucht. Es herrschte eine massive Fußball-Müdigkeit sowie eine Akzeptanzkrise gegenüber der deutschen Nationalmannschaft und dem Fußball insgesamt.  Nicht nur wegen „der Schande von Gijon“ und dem Skandal um Toni Schumacher im Spiel gegen Frankreich bei der WM 1982 oder dem frühen Ausscheiden der zerstrittenen Mannschaft bei der EM 1984, sondern auch wegen der Art des Fußballspiels, das rein ergebnisorientiert und kämpferisch geprägt war. Mit Begriffen wie „Deutscher Panzer“ wurde der Spielstil der Nationalmannschaft international wenig wohlwollend, aber zutreffend beschrieben. Spielerisch selten überlegen, wurden Gegner durch physische Dominanz und die berühmten „deutschen Tugenden“ oft regelrecht niedergewalzt. Ein weiterer Grund für die Entfremdung war, dass Stars wie Karl-Heinz Rummenigge, Lothar Matthäus, Bernd Schuster oder Hansi Müller der Bundesliga den Rücken gekehrt hatten, um im Ausland (meist in Italien und in Spanien) in international erstklassigen Vereinen und für deutlich mehr Geld zu spielen. „Der Funke zum Publikum war total erloschen“. Zudem gewannen neben den „echten Fußballfans“ auch in Deutschland gewaltbereite Hooligans zunehmend an Einfluss. Ihnen ging es weniger um Fußball, als um Gewalt und um ihr offenkundiges Ziel, rechtsextreme und rassistische Parolen in die Stadien zu tragen. Für Zündstoff sorgten zudem immer wieder Spiele gegen „Erzrivalen“ wie die Niederlande, England, Italien und Frankreich. Nationalspieler wurden bei Länderspielen im eigenen Land oft ausgepfiffen, wenn sie beim „falschen“ Bundesligaverein unter Vertrag standen. Dies alles schreckte das normale, friedliche Publikum, ab. Und im Fernsehen wurde „König Fußball“ von Tennis zumindest für einige Zeit als die Nummer 1 abgelöst. Boris Becker gewann als 18-jähriger erstmals Wimbledon und Steffi Graf begeisterte ganz Deutschland mit ihren großen Erfolgen im „weißen Sport mit dem gelben Filzball“.   

In der Zeit nach Ernennung von Helmut Kohl 1982 als Kanzler einer christlich-liberalen Koalition war der Politikstil in Deutschland wieder konservativer geprägt. Starke soziale und ökologische Proteste (wie die der Friedens- und Umweltbewegung unter maßgeblicher Beteiligung der GRÜNEN) forderten den erneut konservativeren Zeitgeist massiv heraus. Sowohl gesellschaftspolitisch als auch weltpolitisch gab es in den 1980er-Jahre einige dramatische Einschnitte.

An erster Stelle sei die Kernreaktorkatastrophe von Tschernobyl (auf dem Gebiet der Ukraine) im April 1986 genannt. Als Folge eines missglückten Sicherheitstests in Block 4 offenbarten sich nicht nur grundsätzliche physikalische Schwächen dieses spezifisch sowjetischen Reaktortyps, sondern auch das Fehlen grundsätzlicher und elementarer Sicherheitseinrichtungen. Ausgelöst durch grob fahrlässige Fehler des Bedienungspersonals geriet Block 4 bei Tests, ob die Turbine bei einem Stromausfall noch genügend Notstrom für die Reaktorkühlung liefern kann, außer Kontrolle. Es kam zur Kernschmelze. Der maximal denkbare Super-Gau wurde Realität. Die kommunistische Führung der Sowjetunion unter Michael Gorbatschow versuchte, die nukleare Katastrophe tagelang geheim zu halten und verschleppte die Herausgabe von Informationen. Dabei war Gorbatschow im Jahr 1985 mit dem Versprechen angetreten, die Sowjetunion zu modernisieren, die Meinungsfreiheit zuzulassen und die Demokratisierung einzuleiten. Perestroika (Umgestaltung) und Glasnost (Offenheit bzw. Transparenz) stießen vor allem „im Westen“ auf große Sympathie. Davon war aber nach der Reaktorkatastrophe keine Spur zu sehen. Das Vertrauen in die neue kommunistische Führung war massiv beschädigt und Gorbatschow war nach der Offenbarung der Realität in Tschernobyl gezwungen, die Reformen zu beschleunigen. Diese nukleare Krise bewirkte aber auch, dass in der Ukraine der Widerstand gegen die Zentralregierung wuchs und die Befürworter der Unabhängigkeit der Ukraine auf den Plan rief. Westeuropa und vor allem Deutschland wurde bewusst, dass Radioaktivität keine Grenzen kennt und dass Krisenreaktion und -management, Lebensmittelkontrollen und Verbraucherschutz grundlegend zu reformieren waren. Sorge und Skepsis gegenüber der Kernenergie erfasste ganz Deutschland. Bündnis 90/Die GRÜNEN sowie zahlreiche Bürgerinitiativen erhielten enormen Zulauf und entwickelten eine große politische Mobilisierungskraft. Das Ende der Kernenergie in Deutschland war vorprogrammiert. Tschernobyl, Perestroika und Glasnost entfesselten in der Bevölkerung der Sowjetunion Kräfte, die Gorbatschow und seine Gefolgsleute nicht mehr kontrollieren konnten. So wurde die Katastrophe von Tschernobyl auch zu einem psychologischen und politischen Wendepunkt für den sog. „Kalten Krieg“, der nach dem Ende des 2. Weltkriegs zu massiver Aufrüstung der beiden „Supermächte“ USA und die Sowjetunion im Ringen um die weltweite Macht geführt hatte. Die NATO beschloss 1979, in Europa die Stationierung nukleare Mittelstreckenraketen (Pershing II) ab Ende 1983 für den Fall zuzulassen, dass die Verhandlungen mit der Sowjetunion über deren Abbau von auf Westeuropa gerichteten SS- 20-Raketen, die standardmäßig mit atomaren Sprengköpfen bestückt waren, bis dahin nicht erfolgreich abgeschlossen werden konnten (der sog. NATO-Doppelbeschluss). Die Angst vor einem Atomkrieg trieb damals Hunderttausende in Deutschland mit dem Ziel auf die Straßen, die Verabschiedung des NATO-Doppelbeschluss zu verhindern und Mitteleuropa zu einer „atomwaffenfreien Zone“ zu machen. Die Proteste verliefen aber nicht gewaltfrei, wie vom Großteil der „Anti-Atomkraft“- und Friedensbewegung beabsichtigt war. Es kam zu Angriffen auf die Infrastruktur, die christlich-pazifistische Bewegung („Pflugscharen“) drang in Militärbasen ein, um Militärausrüstung bewusst (symbolisch) zu beschädigen und die RAF nutze die Ablehnung für ihre Propaganda und verübte zum Teil tödlich verlaufende Anschläge auf Menschen, die in der Atomindustrie tätig waren. Die Verhandlungen der NATO mit der Sowjetunion blieben (erwartungsgemäß) ohne Ergebnis. Deshalb wurde der NATO-Doppelbeschluss Ende 1983 auch im Deutsche Bundestag verabschiedet. Unmittelbar danach begannen die USA damit, die ebenfalls mit atomaren Sprengköpfen bestückten Pershing II-Raketen in ganz Europa und auch in Deutschland (Bitburg und Mutlangen) zu stationieren.  Mutlangen wurde zum bundesweiten Symbol des „gewaltfreien“ Widerstands und schweißte die Friedensbewegung zusammen. Die Katastrophe von Tschernobyl wirkte sich direkt auf die Rüstungskontrolle aus. 18 Monate später unterzeichneten Gorbatschow und Reagan einen Abrüstungsvertrag, wonach eine komplette Klasse von Atomwaffen (Pershing II-Mittelstrecken-raketen und die SS-20 Raketen) verboten und verschrotten wurde (Doppel-Null-Lösung). Die Aktivisten feierten den Abzug als historischen Erfolg des zivilen Ungehorsams, auch wenn es sich „nur“ um den Abzug der Pershing II-Raketen handelte. Deutschland war bereits 1975 dem Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (Atomwaffensperrvertrag NVV) beigetreten und hatte sich damit völkerrechtlich verpflichtet, auf die Entwicklung und den Besitz von Atomwaffen zu verzichten. (Allerdings lagern bis heute im Rahmen der nuklearen Teilhabe der NATO weiterhin ausländische Atomwaffen auf deutschem Boden). 

In den Folgejahren entwickelte sich der zivile Ungehorsam zu einem wichtigen Instrument der globalen Protestkultur.  Trotz der staatlichen Überwachung hatten sich auch in der DDR nach dem Amtsantritt von Gorbatschow und dessen Modernisierungspolitik immer mehr Menschen getroffen, um über die Bedrohung des Friedens im Kalten Krieg, die Einschränkung politischer Freiheiten und des notwendigen Umweltschutzes auch in der DDR zu diskutieren. Der Staats-apparat der DDR hielt aber trotz der Reformpolitik von Gorbatschow, dem sprunghaften Anstieg von Ausreiseanträgen, der zunehmenden Fluchtversuche und dem Scheitern der Planwirtschaft unbeirrt an ihrem Kurs fest. Die Kirchen vieler Gemeinden der DDR gaben den Menschen Schutz und die Möglichkeit, abseits staatlicher Überwachung zu debattieren und sich politisch zu organisieren. Daraus entwickelte sich der historisch folgenreichste zivile Ungehorsam. Am 04.09.1989 gingen nach einem Friedensgebet in der Nikolaikirche in Leipzig über tausend DDR-Bürgerinnen und Bürger auf die Straße, um für ihre Reisefreiheit und demokratische Reformen in der DDR zu demonstrieren. Mit diesen sog. „Montagsdemonstrationen“ wuchsen Kirchen, Oppositionelle und Ausreisewillige aus der DDR zusammen, denen sich immer mehr Bürger und Bürgerinnen anschlossen. Gorbatschows Politik, die Sowjetunion zu modernisieren und der Abschluss des Abrüstungsvertrags zwischen den USA und der Sowjetunion waren indirekte Auslöser der friedlichen Revolution in der DDR, an dessen Ende der Fall der Mauer am 09.11.1989 stand. Die Wiedervereinigung löste zumindest vorübergehend in Deutschland eine große Welle der Euphorie aus, die auch den Fußball erfasste.

Bis Mitte der 1980er-Jahre hielten die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF das Monopol der Sportberichterstattung im Fernsehen. Meist begrenzt auf das Wochenende, blieb die Tageszeitung -einschließlich der BILD- weiterhin das Massenmedium, das über das aktuelle Sport-geschehen im Allgemeinen und den Fußball im Besonderen täglich berichtete.  Neben Max Merkel war Franz Beckenbauer die prägende, meinungsmachende Stimme im Sportteil der BILD. Unmittelbar nach seinem Abschiedsspiel erschien im Juni 1982 in der BILD seine erste Kolumne „Der Libero von BILD“. Dort versprach er u.a. „Ich werde kritisch sein, aber nie unfair“. Auch so eine steile These von ihm. ARD und ZDF hielten von 1965 bis 1987 die exklusiven Übertragungsrechte für die Bundesliga. Finanziert aus den Gebühren der Zuschauer waren die Kosten für den Erwerb der Fernsehrechte entsprechend niedrig. ARD und ZDF zahlten 1965 für die Ausstrahlungsrechte 650.000 DM. Knapp 20 Jahre später waren dafür für die Jahre 1983 bis 1988 jährlich 8 Mio. DM an den DFB zu zahlen. Diese Zahlen wurden danach förmlich pulverisiert. Auslöser dafür war, dass Mitte 1988 das deutsche Privatfernsehen in den Kauf der Fußballübertragungsrechte einstieg. Den Auftakt machte RTL mit seiner Fußballsendung „Anpfiff“. Da sich alle „Privaten“ ausschließlich über Werbung finanzieren, also markt-wirtschaftlich arbeiten, entwickelte sich ein lukratives Geschäftsfeld. „Vorbild“ dafür waren die Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles. Das IOC (Internationale Olympische Komitee) stand zu Beginn der 1980er kurz vor der Pleite. Olympische Spiele mussten bis dato ausschließlich aus Steuergeldern der Gastgeberländer finanziert werden. Die Bürger von Los Angeles hatten aber per Volksabstimmung untersagt, Steuergelder für die Olympischen Spiele zu verwenden. Peter Ueberroth, damals der Vorsitzende des Organisationskomitees für die Spiele in Los Angeles, schlug dem 1980 neu ins Amt des IOC-Präsidenten gewählten Spanier, Juan Antonio Samaranch, vor, die Spiele über exklusive Sponsorenverträge und den hochpreisigen Verkauf der weltweiten Fernsehrechte zu finanzieren.  Samaranch war begeistert. Die olympische Idee der Moderne, wie sie Pierre de Coubertin 1984 ins Leben rief, „im Kern kommerzkritisch und werbefrei“ zu sein, war Geschichte.  Als Hauptsponsor gewann Ueberroth die Firme Coca-Cola. Die Spiele waren erstmals begleitet von massiver Fernsehwerbung der Firmen Coca-Cola und anderer Firmen wie z.B.  McDonalds, „rund um die Uhr“ und weltweit ausgestrahlt.  Diese Spiele gingen als die „Coca - Cola-Spiele von Los Angeles“ in die Sportgeschichte ein. Erstmals wurde ein Gewinn erwirtschaftet, der mit 200 Mio. USD als „historisch“ eingestuft wird. Ueberroth wurde vom Time-Magazin zum „Man of the Year“ gekürt. Der damalige FIFA-Präsident Havelange war ähnlich „gestrickt“ wie Samaranch. Diese beiden waren in den beiden letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die beiden mächtigsten Sportfunktionäre der Welt.

Die „Privaten“ nutzten die Tatsache, dass Live- Sport im Fernsehen (schon damals) auch in Deutschland hohe Einschaltquoten ermöglichte, relativ kostengünstig zu produzieren war und hohe Werbeeinnahmen erzielt werden konnten, wenn man sich auf sog. telegene, medienstarke Sportarten wie Fußball, Tennis, Boxen oder Formel 1 konzentrierte und sich dafür auch noch das Erst- oder Exklusivübertragungsrecht sichern konnte. Zur Bundesligasaison 1988/1989 vergab der DFB die Übertragungsrechte erstmals an eine private Fernsehanstalt. Die Bertelsmann -Tochter RTL bot dem DFB die höchste Summe und bekam den Zuschlag für die TV-Fernseh-Rechte. Für zunächst drei Jahre (1988-1991) zahlte RTL 40 Mio. DM an den DFB. Mit der Einführung der Pay-TV-Formen, wie zuerst durch den Fernsehsender „Premiere“ (später „Sky“) setzte eine regelrechte Kostenexplosion für den Erwerb der TV-Übertragungsrechte für Fußball (auch in Deutschland) ein. Die Medienerlöse (1.+ 2. Liga) für die Zeit zwischen 2025/26 und 2028/29 belaufen sich auf 1.121 Mio. EUR- pro Saison. TV-Rechte für die Ausstrahlung von Spielen der Nationalmannschaft im Privatfernsehen hat der DFB erstmals 1993 verkauft. RTL strahlte zwei Testspiele der Nationalmannschaft im Rahmen des U.S. Cup in den USA aus. Es dauerte aber weitere 21 Jahre, bis RTL erstmals die Rechte für offizielle Pflichtspiele der Nationalmannschaft erwerben konnte. Für die Qualifikationsrunde zur EM 2016 überbot RTL sowohl die ARD als auch das ZDF und überwies dem DFB dafür 100 Mio. EUR.

Nach tiefer wirtschaftlicher Krise begann in Deutschland Mitte der 1980er-Jahre eine stabile Wachstumsphase, bei allerdings hoher Arbeitslosigkeit. Unternehmen setzten stark auf Rationalisierung und Automatisierung. Die Regierung setzte auf „Weniger Staat, mehr Markt“, stärkte die Kaufkraft der Bürger durch Steuersenkungen, wollte den Bundeshaushalt konsolidieren und weitete die Teil- Privatisierung staatlicher Unternehmen (Lufthansa, Salzgitter AG) und gegen Ende des Jahrzehnts auch Teile der öffentlichen Infrastruktur (Fernsehen, Energie- und Wasserversorger, die Bahn oder die Post), aus.

Die Startbedingungen für Franz Beckenbauer als Teamchef hätten nicht komplexer sein können. Seine Ernennung entfachte in der Öffentlichkeit schnell Begeisterung. Für die meisten Fans war die Rückkehr „des Kaisers“ das Signal für einen echten Neuanfang. Dabei hatte er dem DFB- Präsidenten Hermann Neuberger gleich nach seiner Ernennung mitgeteilt. “Zwei Jahre mache ich das, dann müsst ihr euch einen anderen suchen“. Und er meinte auch: „Die Zeit der elenden Fünf-Meter-Pässe muss vorbei sein“. Zugleich warnte er aber auch: „Zehn Jahre wird es unter Umständen dauern, bis wir wieder ganz oben sind“. Zwei der zahlreichen Irrtümer des „Kaisers“. Er war sechs Jahre im Amt und es dauerte „nur“ sechs Jahre „ganz nach ganz oben“. Aber der Reihe nach.  

Beckenbauer wuchs in einem sehr werteorientierten Elternhaus in Bayern auf.  Laut seiner Biografie war es seine Mutter, die im „wichtige Werte wie Weltoffenheit, Toleranz und den respektvollen Umgang mit allen Menschen mitgab“. Er lebte im zerbombten München, hatte eine bescheidene Jugend und selbst hart arbeiten gelernt. Diese Erziehung und seine ganze sportliche Laufbahn, die als Neunjähriger in der Jugend des München 06 begann und bei New York Cosmos in den USA als Legende des Fußballs endete, prägten auch seine Karriere als Teamchef der Nationalmannschaft und danach.

Beckenbauers Führungsstil, eine Mischung aus autoritärer Disziplin, Empathie und taktischem Pragmatismus kam bei den Spielern sowie in der Gesellschaft unmittelbar an. Es gelang ihm, mit Vertrauen, aber klaren Vorgaben und einem weltoffenen Umgang, die individuellen Stärken der Spieler optimal „herauszukitzeln“. Wichtig war ihm auch, dass sich niemand über die Mannschaft stellte. Mannschaftliche Geschlossenheit war für ihn elementar. Er stärkte allen Spielern in der Öffentlichkeit den Rücken, was zu einer hohen Bindung und Motivation innerhalb des Teams führte. Seine Amtszeit war aber auch geprägt durch klare, harte und teils unpopuläre Entscheidungen sowie massive Probleme einiger Nationalspieler untereinander. Nach außen gab sich Beckenbauer stets als „die lockere Lichtgestalt“. Er pflegte „einen charmanten, strategischen und meist distanzierten Umgang mit den Medien“, war aber permanent präsent. Er war nicht der Typ für taktische Schulungen, sondern setzte auf klare Ansagen, psychologisches Gespür und ließ die Spieler das spielen, was sie am besten konnten. 

Beckenbauer übernahm den Kern der Nationalspieler, die auch schon unter Derwall zum Einsatz gekommen waren. Toni Schumacher blieb bis zur WM 1986 Stammtorhüter. Lothar Matthäus wurde unter ihm zum absoluten Führungsspieler und Kapitän, Rudi Völler blieb der wichtigste Stürmer, Andreas Brehme, der in der letzten Amtsphase von Derwall sein Debüt gab, reifte zum Weltklassespieler und auch Felix Magath gehörte bis zur WM 1986 zum Kader. Zum Kern gehörten weiterhin Karl-Heinz Rummenige, Karl-Heinz Förster und Karl Allgöwer, wie auch Klaus Augenthaler und Wolfgang Rolff, die auch noch unter Derwall (1983) ihr Debüt in der Nationalmannschaft gegeben hatten. Genauso wie Guido Buchwald (Debüt 1984) und Pierre Littbarski (Debüt 1981).

Das erste Spiel unter Beckenbauer (September 1984) ging mit 1:3 gegen Argentinien verloren. Nie zuvor hatte ein Bundestrainer sein erstes Spiel verloren. Beckenbauer missfiel dabei auch, dass sich die Spieler mit dem Singen der Nationalhymne offensichtlich schwer taten. Von nun an machte er das Hymnen-Singen zur Pflicht: „Singen hilft siegen“, war seine Ansage. Dabei hatte die Nationalmannschaft mit ihm als Kapitän bei der Heim-WM 1974 die Nationalhymne gelassen und schweigend über sich ergehen lassen.

Die Qualifikationsrunde zum WM 1986 mit Spielen gegen Portugal, Schweden, Malta und der Tschechoslowakei verlief holprig. Trotzdem gelang der Gruppensieg, mit 12:4 Punkten (fünf Siege, zwei Unentschieden und eine Niederlage) und 22:9 Toren. Im letzten Qualifikationsspiel gegen Portugal musste das Team um Beckenbauer eine 0:1 Niederlage hinnehmen, die bis dahin erste Niederlage in einem Qualifikationsspiel für eine WM. Die Medien hielten trotzdem „die Füße still“.

Die Mannschaft reiste ohne große Erwartungen zur WM nach Mexiko.  Beckenbauer nahm mit Karl-Heinz Rummenige (als Kapitän), Rudi Völler (war „Langzeitverletzter“), Pierre Littbarski und Karl Allgöwer vier angeschlagene Offensivspieler mit nach Mexiko. Allgöwer kam überhaupt nicht zum Einsatz, Littbarski saß meist auf der Bank. In der Gruppenphase gewann Deutschland lediglich das Spiel gegen Schottland (2:1, das Auftaktspiel gegen Uruguay endete 1:1 und gegen Dänemark gab es eine 2:0 Niederlage. Rummenigge kam in der Gruppenphase lediglich als Einwechselspieler für jeweils 15 bis 20 Minuten zum Einsatz. Hinterher sagte Beckenbauer, er würde das nie mehr machen, „weil diese Spieler ihre volle Leistungsfähigkeit nicht erreichen konnten“. Im Achtelfinale gelang ein 1:0 gegen Marokko, durch ein Tor durch Lothar Matthäus in der 90. Minute. Das Viertelfinale gegen Gastgeber Mexiko stand nach Verlängerung 0:0. Das Elfmeterschießen endete 4:1, Schumacher hielt zwei Elfmeter. Nach einem 2:0-Sieg im Halb-Finale gegen Frankreich (Tore durch Andreas Brehme und Rudi Völler) stand Deutschland im Endspiel der WM 1986. Die Gegner hießen Argentinien und Diego Maradonna sowie 114.600 Zuschauer. Maradonna war während der kompletten WM 1986 der überragende Spieler. Eines der politisch emotionalsten Spiele der Fußballgeschichte war das Viertelfinale zwischen Argentinien und England. Vier Jahre zuvor standen sich beide Länder in einem 10-wöchigen Krieg um die Falklandinseln gegenüber (Falklandkrieg). Die Briten schlugen Argentiniens Anspruch über die Falklandinseln durch einen Marineverband nach schweren Kämpfen und beidseitig hohen Verlusten an Menschenleben nieder. Der Anspruch auf die Inseln wurde aber von Argentinien aufrechterhalten- bis heute.  Argentinien gewann dieses Spiel durch zwei Tore von Maradona. Beim ersten Tor überwand er den englischen Torhüter mit der „Hand Gottes“ und erzielte später mit einem legendären Sololauf über den halben Platz das 2:0, das zum Jahrhunderttor gewählt wurde. Mit 37 Schritten auf etwa 60 m umspielte er mit elf Ballkontakten sechs englische Spieler einschließlich Peter Shilton, den englischen Torwart. Maradona meinte nach dem Sieg, dass dieser ein symbolische Rache für den verlorenen Krieg um die Falklandinseln war. (Auch beim Halbfinalspiel der beiden Mannschaften bei der WM 2026, das Argentinien erneut mit 2:1 gewann, tauchte auf der Tribüne ein Banner mit der Aufschrift (auf Spanisch) auf: „Die Falklandinseln sind argentinisch“ . Dieses Banner hielten argentinische Spieler nach Spielende auch in die Kameras.   

Im Endspiel der WM 1986 lieferte Deutschland sein bestes Spiel der gesamten WM ab und holte einen 0:2 Rückstand auf. Ausgerechnet die langzeitverletzten „Teilzeitspieler“ Rummenigge und Völler trafen zum zwischenzeitlichen 2:2. Kurz vor Spielende erzielte jedoch Burruchaga das entscheidende Tor zum 2:3 für Argentinien. Erwähnenswert ist, dass im Endspiel der WM 1986 nur drei Spieler standen, die Beckenbauer neu in die Nationalelf berufen hatte. Sieben Spieler zählten schon unter Derwall zur Kernmannschaft und Klaus Allofs, der achte „Altgediente“, hatte bereits ein Länderspiel noch unter Helmut Schön als Bundestrainer absolviert. Bei der WM 1986 wurde zudem erstmals ein Bundestrainer bzw. Teamchef von einem seiner Spieler beleidigt. „Stein des Anstoßes“ war der Torwart Uli Stein. Die eigentliche Nummer 1 im Tor, Toni Schumacher, plagte sich seit längerem mit Kniebeschwerden herum. Uli Stein hielt sich auch deshalb nicht ganz zu Unrecht für den besseren Torwart. Dass er ein sehr guter Torwart war, hatte Stein nicht nur beim HSV, sondern auch im letzten Vorbereitungsspiel gegen die Niederlande nachdrücklich bewiesen, für das er den Vorzug vor Toni Schumacher bekommen hatte. Trotzdem erklärte Beckenbauer ihm – erst am Vorabend des ersten Spiels gegen Uruguay „nur“ die Nummer 2 für das Tor zu sein. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte Stein 2010 dazu: „Es war nicht klar, wer die Nummer 1 ist. Toni Schumacher war nicht in Form, und meine Formkurve zeigte steil nach oben. Und dann sagte Beckenbauer diesen Satz zu mir: „Du bist zwar der beste Torhüter der Welt, aber hier kannst Du nicht spielen“. Sein Frust darüber entlud sich jedenfalls in seiner öffentlichen Aussage „Wenn mir einer ein Ticket gibt, fahre ich nach Hause“. Zudem gönnte er sich am Tag der Vorbereitung auf das Uruguay-Spiel demonstrativ ein Sonnenbad (Bilder dazu existieren) und trank in der Lobby des Mannschaftshotels provozierend ein Bier. Der Anlass dafür, warum Stein mannschaftsintern Beckenbauer in Anspielung auf dessen Werbevertrag mit der Fa. Knorr als „Suppenkasper“ bezeichnet hatte, ist bis heute ebenso „ein Geheimnis“, wie auch derjenige Spieler, der diese Bemerkung „weitergetragen“ hatte.  Auf jeden Fall reagierten der DFB und Beckenbauer schnell. Beckenbauer erklärte vor der Presse, man habe sich entschlossen, Uli Stein „auf Grund seiner gesammelten Werke, die er von sich gegeben hat bzw. gegeben habe soll, nach Hause zu schicken“.

Beckenbauer irritierte sowohl seine Spieler als auch die Öffentlichkeit und Vereinsvertreter bereits vor und während der WM in Mexiko mit öffentlichen Aussagen wonach er viele neue Spieler „ausprobiert habe“ aber bis auf „Thon und Berthold nicht viel übrig geblieben“ sei. Über die Spieler, die er nicht für geeignet für die Nationalmannschaft einstufte sagte er: „Mit denen kannst nicht mal Jugendweltmeister werden. Da ist zu viel Schrott dabei“. Die Bundesliga bezeichnete er zudem gleich noch als „Schrotthaufen“, was zu erheblicher Kritik von Vereinsbossen wie Willy Lemke (SV Werder Bremen) oder Rudi Assauer (Schalke 04) führte. Wenig später erklärte er aber auch, Deutschland könne „natürlich Weltmeister werden“. Ähnlich widersprüchlich äußerte er sich über den vor der WM 1986 angeschlagenen Rummenigge. Mal betonte er dessen Unverzichtbarkeit, mal deute er an, Rummenigge müsse sich auch mit der Ersatzbank zufriedengeben. Einerseits verteidigte Beckenbauer den defensiven Stil der Mannschaft als „Charakter der Deutschen“ entsprechend, obwohl sich andererseits klar für einen attraktiven, offensiven Fußball aussprach. Umso beachtenswerter war es, dass er die Mannschaft unter all diesen Umständen bis ins Endspiel der WM 1986 führen konnte.

Der wichtigste Geschäftspartner der FIFA war seit 1982 die International Sport and Leisure (ISL). Sie entstand aus der 1979 gegründeten Rofa SA, mit Sitz in Sarnen in der Schweiz. Dorthin hatte auch Franz Beckenbauer 1977 hatte seinen Wohnsitz (aus steuerlichen Gründen) verlegt. Sowohl Beckenbauer als auch sein langjähriger Manager Robert Schwan waren an der Rofa SA direkt beteiligt. Der größte Anteilseigner an der Rofa SA war jedoch eine Betreibergesellschaft (die Sports Media& Marketing AG (ISMM)), die sich im Besitz der Familie Dassler, den Gründern der Firma Adidas, befand. Aus der Rofa SA entstand 1982 die ISL, die in den Folgejahren zum weltgrößten Vermarkter internationaler Sportgroßveranstaltungen aufstieg. Die ISL wurde vom damaligen FIFA-Präsidenten Havelange mit der exklusiven Vermarktung der Fußballweltmeisterschafts-Rechte ab 1986 beauftragt und wurde so zur „Hausagentur“ der FIFA.  Die Familie Dassler besaß über die ISMM 90% Anteile an der ISL, ein japanisches Werbeunternehmen hielt die restlichen 10%. Damit war auch der asiatische Raum „abgedeckt“. Laut den Zahlen der FIFA wurde die WM 1986 mit rd. 85 Mio. USD an Einnahmen (je zur Hälfte aus Ticketverkäufen und Fernsehübertragungsgebühren einschließlich Werbe- und Sponsoreneinnahmen) zum bis dato finanziell erfolgreichsten Fußball-WM-Endturnier. „Die Olympischen Spiele 1984 lassen grüßen“. Die Verbände der teilnehmenden Mannschaften erhielten pro Spiel 250.000 USD. Die Zahlung der FIFA an die Verbände beliefen sich (bei 24 Mannschaften und 52 Spielen) auf insgesamt 13 Mio. USD. Gemessen an den Einnahmen der FIFA ein auch für die damaligen Verhältnisse eher bescheidener Ausgabenblock für die FIFA. Die Finalteilnehmer Deutschland und Argentinien bestritten bei der WM 1986 sieben Spiele und bekamen so je 1,75 Mio. USD. Für den Fall, dass Deutschland die WM 1986 gewinnt, hatten die Spieler mit dem DFB eine Prämie von 100.000 DM ausgehandelt. Für den Vize-WM-Titel gab es immerhin 70.000 DM pro Spieler. Die FIFA hat dieses Prämiensystem 2002 umgestellt und zahlte von nun an eine (gestaffelte) Prämie für den Titelgewinn bzw. die erreichte Platzierung. Dennoch flossen an die an der WM teilnehmenden Verbände gemessen an den Einnahmen/ Gewinnen der FIFA weiterhin „überschaubare“ Beträge.

Trotz des unerwartet guten Abschneidens bei der WM 1986 wollte die Begeisterung für Fußball nicht zurückkehren. Die Querelen und die Spielweise bei der WM 1986 erinnerten doch stark an die Zeit unter Jupp Derwall. Auch Beckenbauer war nicht zufrieden. Er baute die Mannschaft gezielt um und brach „alte Seilschaften im Kader“ auf. Lothar Matthäus und Rudi Völler blieben als etablierte Spieler im Kader, jüngere, ehrgeizige Spieler wie Jürgen Klinsmann, Olaf Thon und Thomas Berthold rückten nach bzw. in den Blickpunkt. Beckenbauer wollte die EM 1988 im eigenen Land gewinnen. Das Endturnier bestritten acht Mannschaften, aufgeteilt in zwei Vierer-gruppen. Die Qualifikationsrunde (mit 32 Mannschaften) blieb Deutschland als Ausrichter erspart. Mit einem 1:1 gegen Italien und zwei 2:0-Siegen gegen Dänemark und Spanien zog die Mannschaft als Gruppenerster souverän ins Halbfinale ein. Auch wenn die Mannschaft im Halb-Finale gegen die Niederlande mit 1:2 ausschied, konnte sie sich mit sportlich ordentlichen Leistungen und fairem Zweikampfverhalten wieder mit der Öffentlichkeit versöhnen. Die Stadien waren voll, im Schnitt kamen über 56.000 Zuschauer zu den Spielen. Die Atmosphäre war großartig, tausende internationale Gäste feierten friedlich miteinander.

Bereits im Herbst 1988 begannen die Qualifikationsspiele für die WM 1990 in Italien. Aus dem UEFA-Verband konnten 14 Mannschaften am Endturnier in Italien teilnehmen, wobei Italien als Ausrichter keine Qualifikation zu spielen hatte. Die dreizehn weiteren Teilnehmer wurden unter 32 Ländermannschaften in vier Fünfergruppen und drei Vierergruppen mit jeweils Hin- und Rückspiel ermittelt. Alle Gruppensieger und alle Gruppenzweiten der Fünfergruppen waren direkt qualifiziert. Genauso wie die beiden punktbesten Mannschaften der Vierergruppen. Deutschland spielte in einer Vierergruppe mit den Niederlanden, Finnland und Wales. In der Qualifikation spielte Deutschland drei Mal Unentschieden (zweimal gegen die Niederlande und einmal gegen Wales) und gewann drei Spiele. Als einer der beiden besten Gruppenzweiten der Vierergruppe qualifizierte sich Deutschland für das Endturnier in Italien.  

In Italien waren alle Stadien ausverkauft. Die FIFA hatte 2,5 Mio. Eintrittskarten verkauft. Die Zuschauer vor dem Fernseher in Deutschland konnten sich über 180 Stunden Fußball-Live-Übertragungen freuen. Die Fernsehrechte für Europa hatte die EBU (mit Sitz in Genf), der Dachverband der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten für Europa, Nordafrika und Vorderasien, im Paket für drei Weltmeisterschaften (1990, 1994 und 1998) gekauft. Der Kaufpreis betrug insgesamt 344 Mio. Schweizer Franken. Die Verhandlungen liefen über den damaligen (noch) FIFA-Generalsekretär, Sepp Blatter.  Alle Spiele liefen ausschließlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (Free-TV) und damit weitgehend werbefrei.

In der Gruppenphase der WM 1990 blieb Deutschland mit Siegen gegen Jugoslawien (4:1) und die Vereinigten Arabischen Emirate (5:1) sowie einem 1:1 gegen Kolumbien ungeschlagen. Im Achtelfinale warteten erneut die Niederlande. Seit dem Endspiel bei der WM 1974 ging es bei diesen Duellen immer heiß her. So auch in Italien. Beckenbauer hatte für dieses Achtelfinalspiel statt wie üblich fünf, einen sechsten Abwehrspieler aufgestellt. Alles erfahrene und „erprobte“ Weltklassespieler. Die Aufgabe war knifflig. Es galt, das damals weltberühmte „niederländische Trio“ um Frank Rejkaard als strategischem Kopf und seiner kongenialen Kollegen beim AC Mailand, Marco van Basten und Ruud Gullit mit konsequenter Bewachung „zu bekämpfen“ und zudem die Kreise von Aron Winter einzudämmen. Jürgen Kohler war als „Sonderbewacher“ für van Basten eingeteilt, Thomas Berthold verfolgte Gullit auf Schritt und Tritt und Guido Buchwald hatte die undankbare Aufgabe, den umtriebigen Mittelfeldspieler der Niederländer, Aron Winter „an die Kette zu legen“. Klaus Augenthaler stopfte als Libero alle Löcher. Einzig für van Basten gab es keine „Sonderbewachung“. Matthäus als Kapitän ordnete das Spiel im Mittelfeld. Im Tor stand mit Bodo Illgner der jüngste Torwart der Nationalmannschaft. Er strahle viel Ruhe aus und hielt überragend. Völler tönte noch vor dem Spiel, wohl in Erinnerung an das verlorene Halbfinale zwei Jahre zuvor: „Auf diesen Tag habe ich zwei Jahre lang gewartet. Nichts wäre schöner, als die Holländer nach Hause zu schicken“. Und dann war für ihn das Spiel nach 25 Minuten schon „gelaufen“. Sein „Ende“ begann damit, dass der Schiedsrichter Franck Rijkaard nach einem harten Einsteigen gegen ihn die Gelbe Karte „vor die Nase“ hielt und dieser im Weglaufen Völler von hinten in die Haare spuckte – im Stil eines Lama. Völler stelle Rijkaard daraufhin sehr emotional zu Rede und sah dafür prompt auch die Gelbe Karte. Der Schiedsrichter hatte die Spuckattacke wohl nicht mitbekommen- laut den TV-Bildern war er noch mit der Notierung des Sünders Rijkaard beschäftigt. Nach einem Zusammenprall von Völler mit dem niederländischen Torwart eskalierte das Geschehen. Auf dem Platz und auf den Tribünen (es lohnt sich, das zugehörige Video mal anzuschauen. Unfassbar, was da „abging“). Rijkaard zog Völler am Ohr und flog dafür vom Platz -zusammen mit Völler. Auf dem Weg in die Kabine spuckte ihm Rijkaard ein zweites Mal in die Haare. Eine offizielle und öffentlichkeitswirksame Entschuldigung erfolgte sechs Jahre später in einem offenen Brief und einem Werbespot einer Molkerei, die holländische Butter verkaufte. Beide sitzen im Bademantel harmonisch beim Frühstück: „Mit echter Butter bekommen Sie jeden an die gemeinsame Tafel“, lautete der Spot.   

Den Niederlanden fehlte nach der Roten Karte gegen Rijkaard ihr absoluter Schlüsselspieler und Beckenbauer stellte auf das 3-5-1-System um. Klinsmann war nun einziger Stürmer, schuftete und ackerte sprichwörtlich für zwei und hämmerte kurz nach der Halbzeitpause das 1:0 in die Maschen des holländischen Tores.  Brehmes Traumtor per Schlenzer in der 86. Minute zum 2:0 öffnete die Tür ins Viertelfinale. Der Anschlusstreffer der Niederländer kurz vor Spielende per Elfmeter fiel zu spät. Der Sieg gegen die Niederlande wird heute als Beginn der Autokorso-Tradition in Deutschlands Städten eingestuft.

Das Viertelfinalspiel gegen die Tschechoslowakei wurde zum Fußball-Krimi. Deutschland ging mit 1:0 durch einen Elfmeter von „Loddar“ nach 25 Minuten in Führung, die Tschechen spielten die letzten 20 Minuten nach einer roten Karte nur noch zu zehnt, aber Deutschland „bettelte“ trotzdem um den Ausgleich. Ich habe noch Beckenbauer vor Augen, der am Spielfeldrand tobte und wie „ein Wilder“ gestikulierte. Aber es reichte ins Halbfinale - gegen England. Auch so ein „heißes Duell“. Das Wembley-Tor war natürlich längst nicht vergessen. Nach 90 Minuten stand es 1:1. In der Verlängerung trafen Deutschland (Buchwald) und England je einmal die Latte, ein Tor der Engländer wurde wegen Abseits nicht anerkannt. So musste das Elfmeterschießen herhalten, den Sieger zu ermitteln. Beim 4:4 hielt Bodo Illgner- der überragende Torwart in Italien- einen Elfmeter und Olaf Thon, mit 22 Jahren der „Jungspund“, trifft zum 5:4. Und dann „trümmerte“ Waddle seinen Elfmeter „kilometerweit“ übers Tor in den Nachthimmel. Gary Linekers legendärer Satz ist unvergessen: „Fußball ist ein Spiel von 22 Leuten… und am Ende gewinnt immer Deutschland“.

Zwei Mal Glück gehabt- gegen die Tschechen und danach auch gegen die Engländer- und das Endspiel war erreicht. Erneut gegen Argentinien, wie 1986. Und in Deutschland war die Fußball- Euphorie zurück. Zehntausende Deutsche machten sich über die Alpen auf nach Rom. Die Argentinier waren ob ihrer (schon damals bekannten) robusten Spielweise im Endspiel stark geschwächt. Vier Spieler fehlen, einer wegen einer Rotsperre und drei wegen Gelbsperren.  

Beckenbauer gab seiner Mannschaft eine er wohl berühmtesten taktischen Anweisungen ins Endspiel mit: „Geht’s raus und spielt’s Fußball“. Dies war aber kaum möglich. Die Argentinier versuchten, das Spiel der Deutschen mit vielen Fouls förmlich zu zerstören. Guido Buchwald wiederum meldete Maradona, den südamerikanischen „Fußballgott“ und „Wahl-Neapolitaner“, weitgehend ab und zaubert selbst „im Stil eines Maradona“. Gerd Rubenbauer, Legende als TV-Reporter, schwärmte nach dem Spiel: „Unser Diego“. Die Härte der Argentinier hatte Folgen. Mitte der zweiten Halbzeit kassierte ein Argentinier nach einem üblen Foul an „Klinsi“ die Rote Karte. Zuhause vor dem Fernseher brach (bei uns) ein Jubelsturm der Begeisterung aus. „Jetzt packen wir sie“. Und so kam es. Das „Foulspielen“ der Argentinier (natürlich) ging weiter. Rudi Völler wurde im Strafraum der Argentinier brachial zum Boden geschickt. Die Folge: Elfmeter für Deutschland. Brehme schnappte sich den Ball. Er war beidfüßig ausgebildet, eine Rarität damals wie heute. Deshalb konnte er den Ball mit links genauso präzise und hart schießen wie mit rechts. Bei der WM 1986 im Viertelfinale gegen Mexiko hatte er einen Elfmeter mit links verwandelt. Gegen Argentinien schoss er den Elfmeter aber mit rechts, flach ins linke Eck des Tores der Argentinier. Exakt platziert und mit großer Wucht geschossen- unhaltbar. Der zweite Platzverweis gegen einen Argentinier kurz vor Schluss war ohne Bedeutung für den Spielausgang. In Deutschlands Innenstädten fuhren unzählige Auto mit hupenden, fahnenschwenkenden und singenden Menschen durch die Straßen. Acht Monate nach dem Fall der Berliner Mauer nun auch Fußballweltmeister. Der WM-Titel 1990 wurde noch vor der offiziellen Wiedervereinigung im Oktober 1990 zu einem „emotionalen Symbol der Einheit“. Günter Grass meinte dazu, Deutschland hätte- „typisch Deutsch“-den Titel in Italien enthusiastischer gefeiert als den Fall der Mauer“….

Beckenbauer hatte nach der EM 1988 einige Anpassungen vorgenommen. So holte er zur Qualifikation für die WM in Italien Klaus Augenthaler als Libero zurück in die Nationalelf. Er war einer der berühmtesten Liberos der deutschen Fußballgeschichte, wurde aber nach der WM 1986 fast drei Jahre nicht mehr nominiert. Nun war wieder als zentraler Innenverteidiger gesetzt.  Und Beckenbauer etablierte bei der Endrunde in Italien mit Lothar Matthäus den „offensiven Spielgestalter“. Technisch stark und mit viel Spielübersicht ausgestattet und auch mit „Drang nach vorne“, sollte er „das Spiel ankurbeln“. Und er machte ihn zum Kapitän. Matthäus wurde Weltfußballer 1990 und 1991 sowie 1990 Europas bester Fußballer.  Beckenbauer setzte außerdem verstärkt auf deutsche Spieler, die nach Italien gewechselt hatten. Sie brachen mit ihren Erfahrungen in der Serie A „taktische Reife“, aber auch „Härte“ mit, so begründete er seine Entscheidung. Berthold (AS Rom), Kohler (Juventus Turin), Matthäus und Klinsmann (beide Inter Mailand) und Völler (AS Rom) gehörten bei der WM 1990 zu den Leistungsträgern. Die Mannschaft überzeugte durch Fitness, eiserne Disziplin und Teamarbeit. Es gab keinerlei Eifersüchteleien oder Streitigkeiten. Der Lohn war der 3. WM -Titel für Deutschland, 16 Jahre nach dem letzten Titel. Erneut mit einer Mannschaft gespickt mit Weltklassespielern und eines überragenden Kapitäns: Lothar Matthäus.                                                                                                                                     

Beckenbauer hatte schon im Sommer 1989 signalisiert, nach dem WM 1990 den Weg frei für einen Nachfolger zu machen. Hermann Neuberger, DFB-Präsident, ließ daraufhin wissen, dass für diesen Fall als Nachfolger Hans-Hubert Vogts der geeignete Kandidat sei. DER SPIELGEL kommentierte dies in einer Kolumne unter dem Titel „Terrier statt Kaiser“ und „Erschrecken bei den Fußballfans: Soll wirklich Bertis Vogts Nachfolger von Franz Beckenbauer werden?“  Im Dezember 1989 bestätigte dann der DFB offiziell, dass Beckenbauer nach der WM 1990 zurücktritt und Berti Vogts sein Nachfolger wird.

Beckenbauer wechselte kurz nach der WM 1990 als Technischer Direktor und Trainer zu Olympique Marseille und sprang dann noch zweimal interimsweise als Trainer bei Bayern München ein. Danach wechselte er endgültig in die Funktionärsebene.

Nach dem WM-Triumpf baute er seine Medienpräsenz, nicht zuletzt dank des WM-Titels sowohl als Spieler wie auch als Trainer, massiv aus. Er nahm seine Tätigkeit als Kolumnist bei der BILD auch wieder auf und wurde die nächsten 25 Jahre zum „Gesicht des Pay-TV-Senders Premiere (später Sky)“. Ein bekannter Medienwissenschaftler meint im Rückblick, dass Beckenbauer „mit seiner medialen Präsenz … auch für den Aufstieg der Medien zu einer elementaren Kraft in Deutschland stehe“. und sich „in den darauffolgenden Jahrzehnten als die prägende mediale „Lichtgestalt“ des deutschen Fußballs“ etablierte.                         

Sein Nachfolger, Berti Vogts, war zwischen 1986 und 1990 einer seiner beiden Co-Trainer und hatte seit 1979 sehr erfolgreich im Nachwuchsbereich des DFB gearbeitet. Die Arbeit von Vogts als U16-, U18-, U20- und U21-Trainer (bis 1990) bildete das elementare Fundament für den Gewinn der Weltmeisterschaft 1990. Mehr dazu im nächsten Teil der Kolumne.

Im Rückblick waren die ätzenden und irritierenden Bemerkungen von Beckenbauer vor der WM 1986 bezüglich des mangelnden Nachwuchses oder der „Schrottliga“ unqualifiziert bzw. eigentlich überflüssig gewesen.

Beckenbauer gab Vogts nach dem Gewinn des WM-Titels 1990 anlässlich einer legendären Pressekonferenz am 08. Juli 1990 auch noch eine schwere Bürde mit auf den Weg. „Wir sind jetzt die Nummer 1 in der Welt und schon lange die Nummer 1 in Europa. Jetzt kommen die Spieler aus Ostdeutschland noch dazu. „Ich glaube, dass die deutsche Nationalmannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird“. Und er fügte hinzu: „Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir werden für die nächsten Jahre nicht zu besiegen sein“. 

Wie sagte der damalige Bundeskanzler, Helmut Kohl, anlässlich des Inkrafttretens der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion mit den fünf neuen Bundesländern wenige Tage zuvor (01.07.1990) in einer Fernsehansprache: „Durch die gemeinsamen Anstrengungen wird es uns gelingen…. (die fünf neuen Bundesländer) „bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln“…  

Beides traf aber leider nicht zu.

So viel für heute.

Viele Grüße aus dem Schwarzwald

Bernhard

31.08.2026/Soe